KULTUR I Attacke auf Nobelpreisträger Mo Yan

Mo Yan (69) bekam 2012 den Nobelpreis für Literatur. Damals war die Nation stolz auf den Autor, dessen Werke teilweise auch ins Deutsche übersetzt wurden (zum Beispiel „Frösche“, „Das rote Kornfeld“, „Die Knoblauchrevolte“, „Die Schnapsstadt“). Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua kabelte damals anlässlich der Preisverleihung: „This night belongs to China’s writers, Chinese literature and China.“  Das damalige für Ideologie zuständige Politbüro-Mitglied Li Changchun sandte an die China Writers Association ein Glückwunschschreiben, in dem er die Ehrung als “a manifestation of the steady rise of our country’s comprehensive national power and international influence” bezeichnete. 2013 wurde Mo Yan Mitglied der Chinese People’s Political Consultative Conference (CPPCC), dem wichtigsten Beratergremium der Regierung. Im Westen wurde Mo Yan, der eigentlich Guan Moye heißt, damals wegen seiner vermeintlichen Nähe zu den Herrschenden eher kritisiert. Der im Berliner Exil lebende Schriftsteller Liao Yiwu nannte ihn einen „Staatsschriftsteller“.

Doch nun gerät Mo Yan in die Kritik seiner eigenen Landsleute. Besonders exponiert zeigt sich ein gewisser Wu Wanzheng, der in den sozialen Medien als „Mao Xinghuo who Speaks the Truth“ auftritt. Er hat in Beijing eine Klage gegen den Schriftsteller eingereicht. Mo Yan verleumde das Land und seine Soldaten. Er bezieht sich dabei auf das 2018 erlassene Law on the Protection of Heroes and Martyrs. In einer vierseitigen Schrift zitiert er angeblich verleumderische Ausdrücke und Sätze aus den Werken Mo Yans. Als Schadenersatz fordert er von ihm 1,5 Milliarden Yuan, für jeden Chinesen einen Yuan.

Die eingereichte Klage von Wu Wanzheng (219 000 Follower) wäre vielleicht nie an die Öffentlichkeit gelangt, wenn nicht Hu Xijin (24 Millionen Follower) darüber gepostet und sich für Mo Yan stark gemacht hätte. Diese Parteinahme Hu Xijin für Mo Yan entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn Hu war bis Dezember 2021 Chefredakteur des Boulevardblattes Global Times. Dort fiel er immer mal wieder für seine nationalistischen Töne auf. Nun bezeichnet ausgerechnet er die eingereichte Klage des nationalistischen Bloggers gegen Mo Yan als eine Farce und eine populistische Handlung. Hu beklagt „a very alarming trend in online public opinion”. Da hat er recht: In den Debatten nehmen die nationalistischen Töne zu. Und zunehmend kommen Intellektuelle in die Kritik. Die Cancel Culture hat auch China erreicht.

Übrigens: Das Gericht in Beijing hat die Klage abgewiesen. Aus formalen Gründen: Es habe die Adresse Mo Yans gefehlt.

Info:

Mehr zu dem „Fall Mo Yan“ hier in einem Artikel des China Media Project: https://chinamediaproject.org/2024/03/11/mo-yan-against-the-martyrs/

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