WIRTSCHAFT I Prognosen für dieses Jahr und danach

Zum Jahreswechsel haben Prognosen Hochkonjunktur. Jeder möchte gerne wissen, wie das kommende Jahr wird. Ökonomen machen da keine Ausnahme. Im Gegenteil: Sie glauben sogar, bis auf die Stelle hinterm Komma vorhersagen zu können, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird. Allerdings sind sie da nicht immer einer Meinung. So gehen die Prognosen, was Chinas Wirtschaftsentwicklung in diesem Jahr betrifft, doch ganz schön auseinander. Die CAS erwartet ein Wachstum von 5,3 Prozent, während die Experten der amerikanischen Rhodium Group lediglich 3-3,5 Prozent Wachstum sehen. Im Folgenden gebe ich einen kurzen, aber keineswegs repräsentativen Querschnitt an Prognosen für Chinas Wirtschaft:

Optimistisch sind die Forscher der Chinese Academy of Sciences (CAS) in ihrem Annual Economic Outlook (9. Januar). Sie erwarten ein Wachstum um 5,3 Prozent, das vor allem vom privaten Konsum getrieben werde. CAS-Forscher Hong Yongmiao glaubt sogar, dass China unter seinen Möglichkeiten bleibe. Bei der Vorstellung des Outlooks sagte er: „There´s still a considerable gap between the actual growth rate we´ve seeing now and China´s real potential.”

Viele Prognosen pendeln sich bei 4,5 Prozent ein. Mit einem solchen Wachstum rechnet zum Beispiel die Weltbank, während das andere Washingtoner Institut, der Internationale Währungsfonds (IWF) von 4,6 Prozent ausgeht. Stellvertretend für diese Auguren im Mittelfeld zitiere ich die Schweizer Investmentbank UBS, deren Prognose (4. Januar) auf 4,5 Prozent lautet. Wang Tao, Chefökonomin für China, sieht „a year of stabilisation and consolidation for China”. Der Immobiliensektor werde sich auf niedrigem Niveau stabilisieren.” Ähnliches gelte für den privaten Konsum: „We expect household confidence to remain weak, but does not worsen significantly further.” Sie sieht den Bau- und Infrastruktursektor sowie die Schwerindustrie nicht mehr als die Zugpferde der chinesischen Wirtschaft, sondern die „grünen“ Industrien, wie erneuerbare Energie oder E-Autos.

Die Rhodium Group ist am pessimistischsten. In ihrem Report „Through the Looking Glass” (29. Dezember) heißt es: “China may see a cyclical recovery to perhaps 3-3,5 % growth in 2024.” Die Analysten um Daniel H. Rosen bleiben auch für die kommenden Jahre skeptisch: „structural slowdowns will naturally remain the dominant story for years to come.“

Neben diesen eher quantitativen Prognosen möchte ich noch auf zwei weitere, eher grundsätzliche Artikel zum Zustand der chinesischen Wirtschaft hinweisen. Den einen verfasste der britische Ökonom George Magnus, den anderen François Godement (Institute Montaigne). Magnus, der früher für Banken arbeitete und jetzt in Oxford und am SOAS forscht, schreibt in The Guardian: „China´s many systematic problems dominate its outlook for 2004“. An systemischen Problemen listet er eine ganze Latte auf: die Immobilienkrise, stagnierendes Produktivitätswachstum, die Politisierung des Wirtschaftslebens, die rapide Alterung, hohe Jugendarbeitslosigkeit und die soziale Ungleichheit. Er sieht China in ähnlicher Lage wie Japan vor 30 Jahren. Und wegen der aufgebauten Überkapazitäten in diversen Industrien erwartet er weitere Handelskriege mit der EU und den USA. Mit einer Zunahme der Exporte rechnet auch François Godement: „Exports have become the mainstay of growth. They are spearheaded by China´s breakthrough in key industries of the future and in core consumer sectors.” Zu diesen Schlüsselindustrien der Zukunft zählt er erneuerbare Energien, Batterien, Elektroautos, aber auch die Nuklearbranche. Die Hoffnungen im Westen, dass China sein Wirtschaftsmodell ändere – weg vom Export, hin zum inländischen Konsum – hätten sich nicht erfüllt.

Info:

Hier der Report der Rhodium Group: https://rhg.com/research/through-the-looking-glass-chinas-2023-gdp-and-the-year-ahead/?utm_source=substack&utm_medium=email

Der Artikel von George Magnus in The Guardian: https://www.theguardian.com/business/2024/jan/01/chinas-many-systemic-problems-dominate-its-outlook-for-2024

Der Artikel von François Godement (Institute Montaigne): https://www.institutmontaigne.org/en/expressions/china-trends-18-searching-growth-engines-innovation

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