GESELLSCHAFT I Patienten-Escortservice – eine neue Dienstleistung

Gottseidank bin ich in China nie krankgeworden. Es wäre ein Horror für mich gewesen, dort ein Krankenhaus aufsuchen zu müssen. Ich weiß von einem Kollegen, der wegen eines Fingerbruchs lieber vier Stunden nach Hongkong flog, um sich dort verarzten zu lassen. Ich hörte von VW-Leuten, dass einer ihrer chinesischen Mitarbeiter schon auf dem Operationstisch lag, aber erst behandelt wurde, nachdem ein VW-Kollege die Kreditkarte zückte. Einzelfälle? Vielleicht. Aber das chinesische Gesundheitssystem hat nicht den besten Ruf – nicht nur bei Ausländern, sondern auch bei den Einheimischen. Chinesische Krankenhäuser sind ein Labyrinth, in dem man neben dem Vertrauen auch oft die Orientierung verliert. Pragmatisch wie die Chinesen nun mal sind, machen sie aus dieser Not eine Tugend. Und so gibt es immer mehr Patientenbegleiter, ein völlig neuer Beruf. Darüber berichtet der Ginger River Review in dem Artikel „Patient escort – a new occupation in China“.  Die beiden Autoren fassen dabei eine Lifeweek-Doku zusammen, die den 35jährigen Han Zheng porträtiert. Zheng stammt aus der Inneren Mongolei und kam nach seinem Studium zum Arbeiten nach Beijing. Erst jobbte er in einer Handelsgesellschaft, dann machte er sich mit einer eigenen Firma selbstständig und scheiterte. Was nun? Auf diversen Kurzvideos sah er, dass es Leute gibt, die Patienten in Krankenhäuser begleiten. Er sagte sich: „I helped friends and relatives from my hometown when they came to hospitals in Beijing, so I can do this job.” Sein erster Kunde war ein vierjähriges Kind, dessen Mutter überfordert war. Doch die meisten Kunden von Zheng sind ältere Menschen, deren Kinder keine Zeit haben, ihre Eltern ins Krankenhaus zu begleiten. Zheng beschreibt seinen Job so: „I accompany patients to the hospitals and help them procedural problems.” Er sagt aber auch, was er nicht macht: “I´m not responsible for making hospital appointments nor recommending a specific hospital.” Bevor er den Kunden ins Krankenhaus begleitet, inspiziert er zuerst das betreffende Hospital und macht sich mit den Örtlichkeiten vertraut. Sein Honorar beträgt im Schnitt 300 Yuan pro halber Tag, 550 bis 600 Yuan für einen ganzen Tag. Inzwischen gebe es immer mehr Konkurrenz, sagt Zheng. Als er anfing, hätte es nur ein paar Dutzend Patientenbegleiter in Beijing gegeben, jetzt seien es schon über 1000. Diese Zahl weckte auch bei den Behörden Aufmerksamkeit. Bislang bewegten sich die Patientenbegleiter in einer Grauzone, es gab keine rechtlichen Regeln für diesen neuen Beruf. Nun wollen ihn die Behörden zumindest in Beijing quasi legalisieren.

Info:

Artikel in Ginger River Review (mit Link zum chinesischen Originaltext plus Video): https://www.gingerriver.com/p/patient-escort-a-new-occupation-in

No Comments Yet

Comments are closed