Der Internationale Währungsfonds (IWF) fordert von China ein neues Wirtschaftsmodell. Ein renommierter chinesischer Wirtschaftsprofessor teilt die Analyse, aber nicht deren Schlussfolgerungen.
In der vergangenen Ausgabe berichtete ich über eine umfangreiche Publikation des Internationalen Währungsfonds (IWF), in der von China ein neues Wirtschaftsmodell eingefordert wird. Sie trug den Titel „Toward a new economic growth model for China“. Darin wird zuerst festgestellt, dass das bisherige Modell (Investitionen und Exporte) an seine Grenzen gestoßen sei. Danach werden fünf Strukturreformen gefordert, u.a. eine Steigerung des Konsums und eine Reduzierung der Industriepolitik.
Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung des IWF-Papiers setzte sich Professor Zhang Ming (stellvertretender Direktor des Institute of World Economics and Politics bei der Chinese Academy of Social Sciences) in der Zeitschrift Caijing vom 10. Oktober intensiv mit dem Papier auseinander. Sein Artikel erschien auf der Webseite des MIIT. Er stellt drei Fragen. Erstens: Sind die vom IWF identifizierten Probleme real? Zweitens: Sind die Gründe für die Probleme korrekt dargestellt? Drittens: Sind die Vorschläge des IWF zur Behebung der Probleme die richtigen?
Die ersten beiden Fragen kann Zhang überwiegend positiv beantworten, die dritte allerdings nicht: „I strongly disagree.“ Dies zeigt sich auch in der Überschrift, die er über seinen Beitrag gestellt hat: „Right Diagnosis, Wrong Medicine: A Chinese Critique of the IMF-Consensus“.
Nach seiner Ansicht fordert der IWF, dass Chinas Wirtschaft „should gradually move closer to the structure of mature Western economy“. Sie solle den Konsum erhöhen, außerdem den Dienstleistungssektor stärken, weniger Staatsintervention, mehr Marktelemente einführen. Zhang Ming argumentiert dagegen, das China sein Modell nicht ändern müsse. Stattdessen fordert er: „What China truly needs to solve is how to transform and upgrade its own growth model.“
Besonders stößt er sich an der IWF-Forderung, die Industriepolitik zurückzufahren. Ja, sie habe ihre Schwächen, aber sie deswegen abschaffen? Er fragt rhetorisch: „If Chinese industrial policy has been so negative, how exactly did the country forge its formidable global edge in electric vehicles, power batteries, photovoltaics, telecoms equipment, high-speed rail, shipbuilding, and drones?” Er verweist darauf, dass sowohl die USA als auch die EU inzwischen eine Industriepolitik betreiben. Und was China anbetrifft, schreibt er: „What needs to change is not the existence of industrial policy, but its execution.”
Das ist sein durchgängiges Argument: China braucht kein neues Wachstumsmodell, sondern muss das bestehende reformieren.
Info;
https://globalthinkers.substack.com/p/right-diagnosis-wrong-medicine-a