Die chinesische Wirtschaft kennt kein Sommerloch. Während Wan Hua Zhen pausierte, überschlugen sich die bemerkenswerten Unternehmensnachrichten geradezu – manche davon schafften es bis in die deutschen Schlagzeilen. Ein Streifzug durch drei Geschichten, die mehr erzählen, als es auf den ersten Blick scheint. Ganz am Ende betritt noch ein Elefant den Raum …
UNITREE: Siegertyp oder Spekulationsobjekt?
Ende März analysierte diese Kolumne den IPO-Prospekt von Unitree. Damals lag die geschätzte Marktkapitalisierung bei acht Milliarden Dollar. Mitte September, knapp einen Monat nach dem Börsengang in Shanghai, stand Unitree mit einer Bewertung von 30 Milliarden Dollar da – bei einem Jahresumsatz von 250 Millionen Dollar.Zum Vergleich: Der Fast-Fashion-Spezialist Shein ist zwei Wochen nach dem IPO in Hongkong aktuell unter 20 Milliarden Dollar gerutscht – bei einem Umsatz von 43 Milliarden Dollar und zuletzt 2 Milliarden Dollar Gewinn im Jahr.
In der eigenen Branche hat Boston Dynamics, einst weltweit führender Entwickler und Hersteller von Humanoiden, inzwischen im Besitz der koreanischen Hyundai Motor Group, gerade den für 2027 anvisierten Börsengang auf unbestimmte Zeit verschoben. Unterdessen tun sich amerikanische Wettbewerber wie Tesla und Figure AI weiterhin schwer mit der Serienproduktion. Die Folgen: 97 Prozent der weltweit verkauften Humanoiden im ersten Halbjahr 2026 stammten aus China.
Bringt ausgerechnet die Börsenachterbahn Unitree auf die Siegesstraße? Unitree hat viel an Reputation eingebüßt durch die extremen Schwankungen seit dem IPO. Das Unternehmen wurde über Nacht vom Wellenreiter zum Getriebenen der Kapitalmarktgier. Es war nicht in der Lage – oder mangels Interesses nicht gewillt –, der massiven Übertreibung entgegenzuwirken. Ähnliches konnte man zuletzt bei der Aktie von SpaceX beobachten.
Unitree-Gründer Wang Xingxing, der weiterhin das Geschick seines Unternehmens unangefochten bestimmt, kann der spürbare öffentliche Gegenwind letztlich egal sein, wenn er sein selbst gesetztes Ziel „80-80“ erreichen würde: Humanoide sollen in 80 Prozent der ihnen fremden Umgebungen die ihnen gestellten Aufgaben zu 80 Prozent erledigen können. Wann schafft Unitree diese Vorgabe des eigenen Gründers? Auf der World Robot Conference (WRC) 2026 Ende August in Peking wurde Wang, nun offiziell einer der reichsten chinesischen Unternehmer unter 40, jedenfalls vorsichtiger: Wenn es schnell ginge, zwei bis drei Jahre; es könne aber auch fünf bis zehn Jahre dauern. Bedeutet es mehr Chancen für Europa, um ihrerseits aufzuholen? Oder ist es eher ein Warnschuss an alle, dass der europäische Erfolg, wenn er denn so werden sollte, ähnlich viel Stehvermögen und Langfristdenken benötigen wird? Wohl beides.
Anta – Puma (und JD.com – Ceconomy): besser kein Deal als ein schlechter Deal
Der Sportkonzern Anta hat am 12. September die „uneingeschränkte Freigabe“ der chinesischen Aufsichtsbehörden für die Übernahme eines knapp 30-prozentigen Puma-Anteils erhalten. Der Puma-Aktienkurs notierte am 11. September bei 21,50 Euro, war also wieder auf dem Niveau vom November, bevor der Einstieg von Anta öffentlich ruchbar wurde. Anta zahlte für sein Paket sagenhafte 35 Euro pro Aktie und hat damit in den Büchern schon jetzt ein Loch von mehr als einer halben Milliarde Euro.
„Puma ist kein Pferd“, schrieb Wan Hua Zhen im Februar in einer imaginären Trauerrede, die „in einigen Jahren“ möglich wäre. Das war als Warnung an den chinesischen Eigentümer gerichtet – Warnung vor schönen Versprechen wie „strategische Neuausrichtung“ oder „globale Synergien“, die sich selten von PowerPoint in die Realität übertragen lassen, erst recht bei Auslandsabenteuern chinesischer Investoren.
Buchverluste sind zum Glück nur Zahlen auf dem Papier. Das unternehmerische Risiko für Anta war ein halbes Jahr zuvor real hoch und ist es heute immer noch so. Denn Anta übernimmt einen Anteil an einer kriselnden Marke in einer saturierten Industrie, ohne Managementkontrolle zu haben. Der neue Hauptaktionär kann nur darauf warten, dass Puma sich selbst rettet. Scheitert Puma erneut, wäre Anta dennoch der „logische und bequeme“ Sündenbock in der europäischen Öffentlichkeit.
Anta befindet sich offenbar in guter Gesellschaft. Der CEO von Ceconomy, binnen 15 Monaten bereits der Nachnachfolger des Digitalministers, der bis Mai 2025 selbst CEO des Unternehmens war, sagte kürzlich gegenüber T-Online: „Wir lassen uns von JD.com nicht vorschreiben, ob und wo wir Stellen streichen.“ Ganz ohne Not düpierte er damit den neuen Eigentümer – obwohl ein Standardsatz wie „Die Rollen des Vorstands und der Eigentümervertreter sind in Deutschland klar geregelt“ vollkommen ausgereicht hätte. Solche Flapsigkeit oder unbedachte Redseligkeit zeugt von mangelndem Respekt und ist ein schlechtes Omen für gedeihliche Beziehungen.
Beide Transaktionen sind trotz chinesischer Freigabe noch nicht endgültig durch die Instanzen innerhalb der EU. Ein ehrliches Wort: Ein Scheitern auf der Zielgeraden wäre eine gute Nachricht für die chinesischen Eigentümer.
Xingyu Automotive Lighting: so gewinnt man Respekt zurück
Xingyu ist, wie viele chinesische Hidden Champions, in Deutschland namentlich kaum bekannt. In der globalen Autowelt ist sie jedoch ein sehr bedeutender strategischer Partner für Scheinwerfersysteme. Doch nun schlug der Xingyu-Skandal hohe öffentliche Welle, bis nach Deutschland.
Die über 100 frischen Uni-Absolventen, die von den rabiaten Kündigungen – kurz nach ihren Einstellungen – betroffen waren, schmieden systematisch und strategisch einen Plan, der den mächtigen Arbeitgeber Xingyu an seinen empfindlichsten Stellen traf: bei den internationalen Kunden und bei der Hongkonger Börsenaufsicht, wo Xingyu gerade ein Zweitlisting anstrebte. Ergebnis der kurzen und heftigen Auseinandersetzung: Die Berufsanfänger haben am Ende deutlich bessere Entschädigung bekommen. Der Börsengang von Xingyu in Hongkong wurde auf Eis gelegt. Die Chefin der Firma entschuldigte sich mehrmals und verzichtete als Buße auf ein Jahresfestgehalt. (Ärmer wird sie dadurch nicht, weil sie auch die Eigentümerin ist.)
Die Generation der heute 20- bis 30-Jährigen in China wird wahlweise als um die Zukunft bangend, unter Perspektivlosigkeit leidend oder schlicht als „flach liegend“ beschrieben. Jede dieser Zuschreibungen hat eine reale Entsprechung. Die gleichen jungen Menschen sind aber zugleich selbstbewusst, technikaffin und gut informiert. Vor allem, sie wissen viel besser als ihre Elterngeneration, sich und das eigene Interesse zu verteidigen. Sie wissen nicht nur. Sie tun es auch.
Vor 20 Jahren nahmen chinesische Beschäftigte harsche Arbeitsbedingungen vor allem in den Privatunternehmen meist schweigend hin. Eine Dekade später hatten viele schon gelernt, sich mit anwaltlichen Hilfen dagegen zu wehren. Heute nutzen sie selbstverständlich soziale Medien und rufen, gut vorbereitet, die Compliance-Hotlines internationaler Konzerne an. VW, Daimler, BMW. Die so Alarmierten reagierten prompt, transparent und unmissverständlich, auch und vor allem in China selbst. Dadurch haben die deutschen Hersteller etwas gewonnen, die vielleicht noch wichtiger war als bei der Verkaufszahl, nämlich an Respekt. Viel davon ging schmerzlich verloren in den letzten Jahren. Ein Teil kehrte jetzt unverhofft zurück, durch die richtige Haltung. Neben den zahlreichen Respektbekundungen im Netz Richtung deutschen Automarken stellten so manche Kommentatoren auch die Frage: Warum wandten sich die jungen Menschen nicht auch an die großen heimischen Autokonzerne wie SAIC, Geely oder Xiaomi? Gute Frage.
Ja, internationale Firmen können heute in China viel von ihren chinesischen Wettbewerbern lernen. Aber das gilt auch umgekehrt
Das ist gut so.
Schließlich: der Elefant im Raum
Der Elefant im Raum, der den ganzen Sommer über präsent war: US-KI gegen China-KI. Ein Ende ist nicht in Sicht. Global Pacing“ nannte Anthropic-Gründer Dario Amodei seinen am 12. September veröffentlichten Aufsatz „We Must Pace the Frontier“„Pacing“ kann man mit „Entschleunigen“ übersetzen. Der eigentliche Schlüsselsatz in seinem Essay wurde kaum von deutschen Medien aufgegriffen: „We should approach any global pacing decision, especially in the near term, in such a way that protects the lead of the US and its allies. “
Amodei ließ gleich zwei offensichtliche „Denkfehler“ in einem einzigen Satz einbauen: Erstens: Die USA haben die Führung bei KI – ihre Verbündeten NICHT. Im Gegenteil: Die Verbündeten in Europa sind völlig abhängig von US-KI, wie die zeitweilige Abschaltung von, ausgerechnet Anthropic, für Nicht US-Kunden im Juni exemplarisch bewies. Zweitens: „Wir entschleunigen die KI-Entwicklung (und retten damit die Welt) unter der Voraussetzung, dass die alleinige KI-Führerschaft der USA in jedem Fall geschützt werden muss.“
Tja, die Begeisterung in China wird groß sein.