INTERVIEW I Adam Tooze

Der Brite Adam Tooze ist Wirtschaftshistoriker und lehrt an der Columbia University in New York. In dieser Eigenschaft blickt er weiter zurück als viele Kommentatoren mit ihrem Kurzzeitgedächtnis. Das wurde in einem Interview deutlich, das Tooze der Wochenzeitung Die Zeit Anfang August gab. Als ihn die beiden Zeit-Interviewer fragten, ob man – was China derzeit tut – dauerhaft deutlich mehr exportieren kann als man importiert? antwortete er erst einmal mit einem Lachen und sagte dann: „Deutschland hat doch über Jahrzehnte wie China gehandelt. Man rühmte sich, Exportweltmeister zu sein. Deutschland ist für seine hohen Leistungsbilanzüberschüsse oft kritisiert worden.“ Auch hätte einst Deutschland wie China heute „eine schwache Binnennachfrage, hohe Exportüberschüsse und eine unterbewertete Währung“ gehabt. Tooze kritisiert die „kulturelle Blindheit“ der Deutschen. Sie hätten den Chinesen nicht zugetraut, dass sie so weit kommen würden. Die deutschen Unternehmen hätten lange sehr gut in China verdient und das habe sie überheblich gemacht. Beispiel Autoindustrie: „Die Gewinne der drei großen deutschen Autokonzerne waren riesig, aber man hat den Anschluss bei der Elektromobilität verpasst.“ Er attestiert China „seit 15 Jahren eine sehr gezielte Industriepolitik“ betrieben zu haben. Soll der Westen diese nachahmen? Tooze: „Es ist überfällig, innerhalb des demokratischen Rahmens eine strategische und interventionistische Industriepolitik zu entwickeln.“ Und an die deutsche Adresse gerichtet: „Da müsst ihr in Deutschland vielleicht geistig ein bisschen flexibler werden.“

Info:

Hier das Interview in Die Zeit: https://www.zeit.de/2026/33/adam-tooze-china-exportueberschuesse-industriepolitik-deutschland

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