Erst jetzt wurde ich auf ein Ranking aufmerksam, das die in Guangzhou erscheinende, wohlangesehene Zeitung Southern Weekly (nanfang zhoumo) bereits Mitte April veröffentlicht hatte. Damals wurden die Ergebnisse des „57 Cities Comfort Index 2025“ vorgestellt. Unter den ersten Fünf sind Städte, von denen viele hierzulande noch nie gehört haben: Shaoxing, Jiaxing, Wenzhou, Foshan und Wuxi. Die bekannten Metropolen landen hingegen auf den hinteren Plätzen: Guangzhou (Platz 35), Shenzhen (50), Shanghai (53) und gar als Vorletzter die Hauptstadt Beijing (56).
Dieses Ergebnis scheint Trends zu bestätigen, die schon seit längerem in Chinas sozialen Medien unter folgenden Stichworten diskutiert werden: „Escaping Beijing, Shanghai and Guangzhou“ oder „Living comfortably in smaller cities“. Wobei kleinere Städte anders bzw. großzügiger definiert werden als in Europa. Viele liegen jenseits der Ein-Millionen-Einwohner-Grenze. Die Siegerstadt Shaoxing hat zum Beispiel knapp über fünf Millionen Einwohner.
Der China-Korrespondent der britischen Wochenzeitschrift The Economist ist nach Shaoxing gereist und hat sich dort umgesehen. Durch seine Chaguan-Kolumne – erschienen am 15. Juni – bin ich auf dieses Ranking der Southern Weekly gestoßen. Dort schreibt er: „Shaoxing is indeed pleasant. An ancient capital built around canals, it is known today for its rice wine, a fragrant tipple, and as the hometown of Lu Xun, China’s most famous writer of the 20th century.” Die Stadt macht optisch einen guten Eindruck: saubere Flüsse, große Plätze und Fußgängerzonen. Aber entscheidend für den Spitzenplatz im Ranking waren andere Kriterien. Zum Beispiel der „Housing Affordability Index“. Er drückt aus, wie lange man braucht, um eine Wohnung abzubezahlen. In Shanghai benötigt ein Ehepaar, das durchschnittlich verdient, dafür rund 30 Jahre, in Shaoxing hingegen nur zehn Jahre, In Shaoxing beträgt das Durchschnittseinkommen 76 700 Yuan (knapp 9 900Euro), das sind immerhin 80 Prozent des Niveaus von Shanghai. Aber die Immobilienpreise in Shaoxing liegen bei einem Viertel von denen in Shanghai. Das ist ein wichtiger Grund, warum viele junge Familien in Städte wie Shaoxing ziehen. Man verdient dort relativ gut, kann sich aber mehr leisten – vor allem die in China nach wie vor beliebten eigenen vier Wände. Jedes Jahr wächst Shaoxing daher um rund 30 000 Einwohner.
Der Vorteil von Shaoxing ist auch die Lage im Jangtse-Fluss-Delta. Nach Shanghai und Hangzhou ist es nicht weit. Die Verkehrsverbindungen dorthin sind gut. Man kann also in Shaoxing wohnen und in anderen Städten arbeiten, obwohl es auch in Shaoxing gute Arbeitsmöglichkeiten gibt. Interessant ist, dass unter den Top Ten des Rankings allein sieben Städte im Yangtse-Fluss-Delta liegen, zwei aus im Perlfluss-Delta.
Deshalb noch ein kurzer Blick auf die anderen Städte, die hinter Shaoxing gelandet sind:
- Jiaxing: Die für ihre Seidenindustrie bekannte Stadt (etwas mehr als 5 Millionen Einwohner) liegt an der Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecke Shanghai-Hangzhou.
- Wenzhou: Die Küstenstadt in der Provinz Zhejiang ist berühmt für seine geschäftstüchtigen Bewohner. Unsere Kolumnistin Nan Haifen kommt übrigens aus Wenzhou.
- Foshan: Die Stadt hat den Spitznamen „Guangzhous kleiner Bruder“. Die Sieben-Millionen-Stadt ist mit Guangzhou schon fast zusammengewachsen. Das Kürzel „GuangFo“ wird immer häufiger verwendet. Foshan ist eine traditionelle Industriestadt. Bekannte Unternehmen sind Midea, Galanz und Kelon.
- Wuxi liegt in der Provinz Jiangsu an der Bahnstrecke Shanghai-Nanjing. Die Stadt (7,4 Millionen Einwohner) hat sich von einer Textil-Metropole zu einen High-Tech-Standort entwickelt. Bekanntestes Unternehmen ist der Konzern Wuxi Pharma.
Info:
Hier der Artikel in The Economist (allerdings hinter einer Bezahlschranke): https://www.economist.com/china/2026/06/15/comfort-meets-constraint-in-chinas-most-liveable-city