POLITIK I Kleinflugzeug rast in Beijings höchstes Gebäude

Es war kurz vor 18 Uhr, als am Freitag, den 26. Juni, ein Kleinflugzeug in das Citic-Gebäude mitten in Beijing raste. Sofort zogen eilige Beobachter erste Assoziationen zu 9/11 in Manhattan, als zwei Verkehrsflugzeuge in die beiden Türme des World Trade Center flogen und sie zum Einsturz brachten. Damals kamen über 3000 Menschen ums Leben. In Beijing starb hingegen „nur“ der Pilot, 13 weitere Personen wurden von herabstürzenden Trümmerteilen verletzt. Der Vergleich mit 9/11 ist deshalb sehr an den Haaren herbeigezogen. Realistischer hingegen ist ein anderer Vergleich: Im Mai 1987 landete der deutsche Student und Hobbyflieger Mathias Rust mit seinem Sportflugzeug auf dem Roten Platz in Moskau. Damit düpierte er die russische Luftabwehr, die das Eindringen von Rusts Maschine nicht entdeckt hatte. Für das russische Militär war das eine Blamage. Ähnlich ist der Flug des Kleinflugzeugs vom Typ Aurora SA60L in den 528 Meter hohen Citic Tower zu werten. Bill Bishop (Sinocism) schrieb auf X von einem massiven Sicherheitsversagen und stufte dies als „Erdbeben für Beijings Sicherheitsapparat“ ein. Raymond Kuo (Chicago Council on Global Affairs) spricht von einer “peinlichen Sicherheitslücke“. Der Luftraum über Chinas Hauptstadt gilt als einer der bestbewachten in der ganzen Welt. Mitten in der Stadt, im Regierungsviertel Zhongnanhai, arbeitet und lebt die Führung des Landes. Dieses Machtzentrum Chinas ist nur wenige Kilometer von dem Citic Tower entfernt.

Die chinesischen Behörden reagierten auf den Vorfall zunächst auf die zu erwartende Art: Videos und Fotos von dem Flug in den Citic Tower, die Augenzeugen ins Netz stellten, wurden sofort verbannt. Im Staatssender CCTV, dessen Hauptgebäude unweit des Citic Towers ist, gab es kein Wort und kein Bild über diesen Vorfall. Das Gebiet um den Citic Tower wurde großräumig abgesperrt. Die Polizei begründete dies mit „routinemäßigen Verkehrsmaßnahmen“. Das Loch in der Fassade wurde mit Holzplatten abgedichtet. Im ganzen Land wurden Flüge mit Kleinflugzeugen verboten, berichtete die Financial Times. Hatte die Führung Chinas Sorge, dass sich ein solcher Vorfall woanders wiederholen könnte, dass gar eine konzertierte Aktion geplant war?

Zwei Tag nach dem Vorfall veröffentlichte „Beijing Chaoyang“, das Onlinemedium des Bezirks Chaoyang, in dem sich der Citic Tower befindet, eine dürre Mitteilung. Danach sei ein Kleinflugzeug in „a high-rise building“ geflogen und der Pilot sei dabei ums Leben gekommen. Medien griffen diese Nachricht nicht auf.

Erst eine Woche später, am 2. Juli, gab wiederum „Beijing Chaoyang“ Einzelheiten bekannt. Danach hat ein 66jähriger mit dem Nachnamen Liu dieses Flugzeug geflogen. Er sei um 17.40 Uhr vom Flughafen Shifosi gestartet und sollte um 17.40 Uhr wieder zurückkehren, was er nicht tat und stattdessen in das Citic-Gebäude geflogen war. Nach dieser Darstellung war es die Tat eines Einzelnen, der – so die Darstellung der Behörden – an „Schlafstörungen und Depressionen“ gelitten habe. Mit dem Schlusssatz erklärt die Mitteilung weitere Diskussionen für beendet: „A comprehensive investigation determined that this was an incident endoyering public public safety caused by personal reasons.“ Auch diese zweite Nachricht fand in den Medien kein Echo.

Die Aufarbeitung des Vorfalls ist aber in Sicherheitskreisen längst nicht abgeschlossen. Es werden sicher einige Köpfe rollen an den verantwortlichen Stellen der Flugabwehr – wie einst nach dem Rust-Flug in Moskau.

Infos:

Hier ein Video über den Crash: https://www.youtube.com/watch?v=YNJYR_HE8uo

Und noch eines: https://www.youtube.com/watch?v=_mzEMiUoY2o

Über die mediale (Nicht-)Verarbeitung des Vorfalls berichtet Lingua Sinica: https://linguasinica.substack.com/p/after-impact-the-bizarre-silence?utm_source=post-email-title&publication_id=1981201&post_id=204788094&utm_campaign=email-post-title&isFreemail=true&r=1cv&triedRedirect=true&utm_medium=email

No Comments Yet

Comments are closed