Am 30. Juni präsentierte die chinesische Robotikfirma UBTech die angekündigte Release-Show ihrer ersten hyperrealistischen bionischen Roboter. Der Kaufpreis variiert von 119 800 Yuan (rund 15 000 Euro) bis zu 990 000 Yuan (rund 128000 Euro) — je nach Größe, Intelligenzstufe und weiterer Ausstattung, sogar je nach Geschlecht. Der männliche Roboter ist 15 cm größer, benötigt entsprechend mehr Material und ist deswegen auch teurer als die weibliche Version.
Auf YouTube kann man die Show in voller Länge anschauen. Aber ganz ehrlich: Weder ich noch die Mehrheit der Kommentare in den chinesischen sozialen Medien waren besonders begeistert davon — auch wenn das Unternehmen von mehr als 13 000 Vorbestellungen spricht. Die Enttäuschung hat vermutlich mit der großen Diskrepanz zwischen dem perfektionierten Roboter im KI-generierten Promofilm und der Realität auf der Bühne zu tun. Im Film wirkte alles glatt, elegant, fast wie bei echten Menschen. Auf der Bühne dagegen sah man ruckartige Bewegungen, unnatürliche Mimik und eine Körperlichkeit, die noch sehr robotisch wirkt.
Unter Robotikforschern ist seit rund 50 Jahren ein Begriff bekannt: das „Uncanny Valley“, auf Deutsch oft als „unheimliches Tal“ bezeichnet. Es beschreibt ein psychologisches Phänomen: Je stärker eine künstliche Figur — etwa ein Roboter, Avatar oder eine KI — einem Menschen ähnelt, desto sympathischer finden wir sie zunächst. Doch wenn die Ähnlichkeit eine kritische Schwelle erreicht, also wenn eine Figur fast wie ein echter Mensch aussieht, aber eben nur fast, kippt das Gefühl plötzlich. Aus Faszination wird Unbehagen. Aus Nähe wird Distanz. Manchmal sogar Angst oder Ekel.
Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Frage: Sollten Roboter überhaupt so menschlich wie möglich aussehen? Vielleicht ist dieses Uncanny Valley nicht nur ein technisches Problem, das man irgendwann überwinden muss. Vielleicht ist es auch eine Art letzte Schutzgrenze der Menschheit. Denn mit hyperrealistischen humanoiden Robotern kommen nicht nur technische, sondern auch sehr grundsätzliche ethische und sicherheitsrelevante Fragen auf uns zu. Kann man einem Unternehmen wirklich glauben, wenn es verspricht, dass die Daten der Nutzer niemals für das Training von KI-Modellen verwendet werden? Was passiert, wenn jemand einen solchen Roboter hackt? Wer kontrolliert die intimen Daten, die ein Roboter im Wohnzimmer, im Schlafzimmer oder im Pflegezimmer sammelt?
Und noch schwieriger: Was passiert mit uns, wenn ein Mensch eine starke Bindung zu einem Roboter entwickelt? Was, wenn jemand sich tatsächlich in einen Roboter verliebt — so wie in dem Film Bicentennial Man aus dem Jahr 1999, in dem der Roboter Andrew immer menschlicher wird und sich schließlich in eine Frau verliebt?
Diese Fragen klingen vielleicht noch wie Science-Fiction. Aber sie könnten sehr schnell konkret werden, sobald die ersten Nutzer solche Roboter wirklich zu Hause haben.
Interessant wurde das Thema für mich noch einmal auf eine andere Weise, als ich letzte Woche mit einem chinesischen Gründer sprach, der selbst an einem bionischen humanoiden Kopf tüftelt. Sein Produkt ist technisch beeindruckend: ein superrealistischer bionischer Kopf mit Tastsinn, Geruchssinn, Hörvermögen und knapp 40 sogenannten Blendshapes, also digitalen und mechanischen Formen für verschiedene Gesichtsausdrücke.
Aber gerade er ist skeptisch geworden. Er fragt sich inzwischen, ob man diese Technologie wirklich in die nächste Generation humanoider Roboter einsetzen sollte. Vielleicht, sagte er sinngemäß, sollte man die Grenze des Uncanny Valley gar nicht überschreiten. Vielleicht sollte man Roboter nicht noch menschlicher machen, sondern sie bewusst in eine andere Richtung entwickeln. Seine Alternative wäre: bionische Haustiere.
Hyperrealistische bionische Katzen oder Hunde könnten Menschen emotional begleiten — ähnlich wie es auch humanoide Roboter versprechen. Wenn gewünscht, könnten sie sogar sprechen wie ein Mensch. Aber bei einem sprechenden Hund oder einer sprechenden Katze empfinden wir vermutlich weniger Unbehagen als bei einem Roboter, der zu 95 Prozent wie ein echter Mensch aussieht. Schließlich sind wir durch Zeichentrickfilme und Geschichten längst daran gewöhnt, dass Tiere sprechen können.
Sie hätten die Vertrautheit eines Haustiers — aber nicht dessen Alltagsaufwand. Mit einem Roboterhund müsste man nicht Gassi gehen, bei einer Roboterkatze müsste man keine Katzenhaare wegsaugen. Gleichzeitig könnten solche bionischen Haustiere im Alltag praktische Aufgaben übernehmen: als spielerische Lernassistenten für Kinder oder als einfache Pflegehelfer für ältere Familienmitglieder, indem sie etwa Blutdruck, Herzfrequenz oder Sauerstoffsättigung messen und an Medikamente erinnern. Erste Anwendungen für Menschen mit Demenz und Kinder im Autismus-Spektrum werden bereits getestet.
Besonders interessant wurde es für mich, als der Gründer mir ein kleines, niedliches Kuscheltier zeigte, das nach seinen Angaben über Lernwissen von der 1. bis zur 12. Klasse verfügt und Kindern bestimmte Lerninhalte gezielt und verständlich erklären kann. Und der Preis? Ungefähr so viel wie eine Nachhilfestunde in Deutschland. Natürlich ersetzt ein solches Gerät keine Lehrerin und keinen Lehrer. Aber angesichts des Lehrkräftemangels in Deutschland könnte so ein robotischer Begleiter für Schülerinnen und Schüler ein hilfreicher Lernfreund sein.
Natürlich lösen auch Roboter-Haustiere oder Roboter-Kuscheltiere nicht alle ethischen Fragen. Auch sie sammeln Daten. Auch sie können emotionale Abhängigkeit erzeugen. Auch sie ersetzen im schlimmsten Fall menschliche Zuwendung durch eine Maschine. Aber vielleicht sind sie trotzdem ein weniger beunruhigender Einstieg in eine Zukunft, in der Menschen und Roboter zusammenleben werden. Die große Frage ist also nicht nur, wann Roboter endlich menschlich genug sind. Die Frage ist auch, ob sie überhaupt menschlich sein sollten.
Ob humanoide Roboter oder bionische Haustiere: Eine Welt, in der Menschen und Roboter gemeinsam leben, nimmt in China bereits Gestalt an — noch bevor wir wirklich darauf vorbereitet sind.
* Nan Haifen ist in China aufgewachsen und kam Anfang der 2000er-Jahre als Studentin nach Deutschland. Aus einem Studienaufenthalt wurde ein Leben zwischen zwei Welten. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie an der Schnittstelle von Forschung und Beratung – mit dem Ziel, Kooperationen zwischen sehr unterschiedlichen Akteuren zu ermöglichen, häufig auch im internationalen Kontext. China Abseits ist ihr Versuch, Beobachtungen und Reflexionen mit China-Interessierten zu teilen. Der Titel ist Programm: Abseits der Schlagzeilen. Sie wählt bewusst Themen, die in der deutschen Debatte leicht übersehen werden und doch viel über die chinesische Gesellschaft und ihre innere Logik verraten – seien es regionale Entwicklungen, leise gesellschaftliche Verschiebungen, unternehmerische Dynamik oder kleine Szenen aus dem Alltag. Wer sie ernst nimmt, versteht China besser – und findet eher zu klügeren Formen des Umgangs miteinander. Nan Haifen lebt mit ihrer Familie in Hamburg.