CHINESISCHE GESCHICHTE(N) I Die kleinen weißen Bücher

Die 1980er Jahre waren Jahre des Aufbruchs in China. Die schlimmen Jahre der Kulturrevolution unter Mao Zedong waren vorüber, unter Deng Xiaoping startete die Reform- und Öffnungspolitik. Intellektuell war das Land ausgetrocknet. Es herrschte großer Nachholbedarf an Informationen und Lektüre. In diese Bresche sprang ein Verlag in Sichuan: Sichuan’s People‘s Publishing House. Er startete 1984 mit der Buchserie „Towards the Future“. Weil die Bände dieser Serie ein schlichtes weißes Titelbild zierte, bekamen sie schnell den Spitznamen „Little White Books“ verpasst. Die damit verbundene Anspielung auf das kleine rote Buch von Mao war natürlich nicht zufällig.  

Warum gerade dieser Verlag aus der im tiefen Westen gelegenen Provinz Sichuan? „Sichuan was far from a sleepy inland province“, schreibt Hai Xing in seinem Beitrag “Towards the Future: How the Little White Books Sparked China’s Intellectual Enlightment of the 1980”. Der Artikel ist soeben im China-Unofficial Archive erschienen. Er verweist darauf, dass Zhao Ziyang (der spätere Parteichef Chinas) dort Parteisekretär war und unter ihm einige (land-)wirtschaftliche Reformen durchgeführt wurden. Damals sei auch das Sprichwort entstanden: „If you want food to eat, look for Ziyang”. Die Provinz Sichuan sei damals „ a laboratory for change“ gewesen, schreibt Hai Xing.

In diesem Reformklima entstand die Idee für diese Buchserie. Herausgegeben wurde sie von einem mehr als 20-köpfogen Herausgeberbeirat, in dem die prominentesten Figuren das Ehepaar Jin Guantao, der vom Chemiker zum Philosophen mutierte, und Liu Qingfeng waren. Die Bände deckten ein breites Spektrum an Themen ab – von Naturwissenschaften über Wirtschaft bis zu Modernisierungstheorien. Der Wissenschaftsbegriff wurde weit gefasst und beschränkte sich nicht nur auf die Naturwissenschaften: „Science was no longer viewed simply as formulas, lab equipment, and test tubes“, schreibt Hai Xing. Die Wissenschaft wurde als „a method for understanding society“ neu definiert. In der Wirtschaft wurde der verpönte Begriff Markt, der bis dato als Synonym für Kapitalismus herhalten musste, neu definiert und als durchaus nützliches Instrument zur Preisgestaltung und Ressourcen-Allokation gesehen. 

Auch die Autorenschar war sehr breit gefächert. In der Serie publizierten chinesische Wissenschaftler wie zum Beispiel Xiao Gongqin („The Dilemma of Confucian Culture“), aber auch viele ausländische Autoren. So wurde zum Beispiel Max Webers „Protestantische Ethik“ übersetzt, aber auch „Die Grenzen des Wachstums“ vom Club of Rome. Die Bücher waren vor allem in der jungen Generation sehr beliebt. Hai Xing, der damals Student war, schreibt: „Through these books, an entire generation of young people was suddenly introduced to an unfamiliar world: modern science, market economy, industrial civilization, information society, systems theory, cybernetics, protestant reformation, history of science.” Die jungen Leser tauchten in eine völlig andere Welt ein: „We were acquiring a new vocabular outside the bounds of official state discourse, and through that vocabulary, we were opening a brand-new cognitive window.”  

Es drängt sich die Frage auf: Führte diese horizonterweiternde Lektüre schließlich zu den Protesten auf dem Tiananmen 1989 in Beijing? Ja, mancher würde diesen Zusammenhang sehen, konzidiert Hai Xing. Aber er betrachtet die Serie nicht als „the direct engine of those protests“. 

Die Verantwortlichen in der Partei sahen es aber offenbar anders: Nach Tiananmen wurde die Buchserie gestoppt. Ursprünglich auf 100 Ausgaben konzipiert, war nach Ausgabe 74 Schluss.

Das Herausgeber-Ehepaar Jin Guantao und Liu Qingfeng haben danach die Volksrepublik verlassen und leben inzwischen in Taiwan.

Info:

Der Artikel von Hai Xing in China Unofficial Archive: https://minjian-danganguan.org/en/archive/5549

Hier eine Übersicht über alle erschienen kleinen weißen Bücher: https://minjian-danganguan.org/en/archive/5345

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