CHINA ABSEITS I Zum Arztbesuch in China I Von Nan Haifen*

Als ich Ende 2024 in Hamburg keine geeignete Augenarztpraxis fand, die eine Ortho-K-Linsen-Behandlung gegen Kinderkurzsichtigkeit anbietet, entschied ich mich, meinen Sohn über Weihnachten in meine Heimatstadt Wenzhou in Südchina zu bringen – zu einer alten Schulfreundin, die dort wie auch international einen hervorragenden Ruf in der Behandlung juveniler Myopie (Kurzsichtigkeit bei Kindern) genießt. Gemeinsam mit ihrem Team hat Carl Zeiss neuartige Brillengläser für das Myopie-Management bei Kindern entwickelt. Mein Mann nahm diese Entscheidung zunächst mit einem gewissen Amüsement zur Kenntnis.

Doch in diesen Weihnachtsferien kam er selbst auf die Idee, während unseres Familienbesuchs in Nanjing einen Arzt aufzusuchen. Hintergrund war ein anhaltender Husten nach einer Erkältung im Oktober. Als Privatversicherter konnte er in Deutschland zwar schnell Termine bei verschiedenen Fachärzten bekommen – doch keiner konnte ihm nachhaltig helfen.

In Nanjing buchte er auf Empfehlung eines Freundes einen Termin bei einem Cheffacharzt des Jiangsu Provincial Hospital of Chinese Medicine – bequem per WeChat und für den nächsten Tag. Sekunden später erhielt er eine SMS mit einer detaillierten Anleitung zum Ablauf. Im Krankenhaus wurden wir am Service-Counter freundlich empfangen. Mithilfe der zahlreichen farbigen Wegweiser an Wänden und auf dem Boden fanden wir uns innerhalb weniger Minuten in dem riesigen Krankenhaus zurecht.

Ich musste unwillkürlich kommentieren: Früher fühlte sich ein solcher Krankenhausbesuch für mich wie ein Gang über den Gemüsemarkt an – überfüllt, laut und chaotisch. Heute hingegen wirkt alles wie ein präzise getaktetes Fließband: ruhig, effizient und schnell. Allein in dieser Hinsicht haben chinesische Krankenhäuser enorme Fortschritte gemacht.

Nach dem Erstgespräch wurden meinem Mann – auch auf eigenen Wunsch – zwei weitere Untersuchungen verordnet: eine Blutabnahme für einen Allergietest sowie ein Farbdoppler-Ultraschall der Schilddrüse. Beide Untersuchungen konnten direkt in benachbarten Räumen durchgeführt werden, alle Ergebnisse lagen innerhalb von 30 Minuten vor. Fairerweise muss man zugeben: Auch der chinesische Facharzt konnte die genaue Ursache des Hustens nicht eindeutig feststellen. Auf Grundlage seiner Erfahrung verschrieb er jedoch zwei chinesische Medikamente – mit Erfolg. Die Beschwerden verschwanden nach einer Woche.

Zunächst hielten wir unsere Erlebnisse für eher exotische Einzelfälle. Doch bei der Recherche für diesen Artikel wurde schnell klar: Wir sind längst keine Ausnahme mehr. Bereits Millionen Ausländer haben seit der Aufhebung der Reisebeschränkungen im Jahr 2023 medizinische Leistungen in China in Anspruch genommen.

In sozialen Medien wie TikTok oder YouTube finden sich unter Suchbegriffen wie „Doctor Visit China“ oder „Healthcare China“ unzählige Erfahrungsberichte von Deutschen, Briten, Amerikanern, Indern, Afrikanern – und natürlich auch von im Ausland lebenden Chinesen. Die Bandbreite reicht von präventiven Gesundheits-Check-ups bis hin zu lebensrettenden Operationen. Viele berichten dankbar und positiv überrascht davon, dass chinesische Ärzte die Ursachen chronischer Beschwerden präzise diagnostizieren und konkrete Therapieempfehlungen oft in nur einem einzigen Arztbesuch geben – nicht selten für weniger als hundert US-Dollar, manchmal sogar nur für wenige Dollar.

Laut dem Jahresbericht 2025 über auslandsbezogene medizinische Dienstleistungen der Nationalen Gesundheitskommission Chinas behandelten chinesische Krankenhäuser im Jahr 2025 rund 1,28 Millionen ausländische Patienten. Hinzu kommt eine schwer zu beziffernde Zahl im Ausland lebender Chinesen, die – wie wir – medizinische Behandlungen gezielt mit Aufenthalten in der Heimat verbinden.

Die Motive sind auffällig ähnlich. Für uns – und für viele andere internationale Patienten – spielen vor allem drei Faktoren eine zentrale Rolle.

Erstens: der Wegfall langer Wartezeiten.
Während man in Ländern wie Deutschland, Großbritannien oder den USA oft Wochen oder sogar Monate auf einen Facharzttermin wartet, gefolgt von weiteren Verzögerungen bis zur nächsten Untersuchung, lässt sich der gesamte Ablauf in chinesischen Krankenhäusern häufig innerhalb von ein bis drei Stunden erledigen – von der Anmeldung über die Diagnostik bis zur Behandlung. Selbst bei komplexeren Erkrankungen oder notwendigen Operationen erfolgt die Überweisung und Terminorganisation meist innerhalb kürzester Zeit.

Zweitens: ein bemerkenswertes Kosten-Leistungs-Verhältnis.
Die Preise für die meisten regulären medizinischen Leistungen bewegen sich in vielen Fällen in einem Verhältnis, das dem Wechselkurs entspricht. Kostet ein MRT in Deutschland je nach Leistung zwischen 250 und 1.300 Euro, liegt der Preis in China oft in einer ähnlichen Größenordnung – allerdings in Renminbi, also bei etwa einem Achtel des absoluten Betrags. Hinzu kommt, dass diese Leistungen häufig am selben Tag ohne Wartezeit in Anspruch genommen werden können.

Auch bei innovativen onkologischen Therapien wie der CAR-T-Zelltherapie gehört China inzwischen zur weltweiten Spitzengruppe – bei Behandlungskosten, die lediglich ein Drittel bis ein Fünftel des Niveaus in Europa und den USA betragen.

Drittens: enorme klinische Erfahrung und weltklassige Fachkenntnisse.
Durch das hohe Patientenaufkommen verfügen chinesische Ärzte über eine außergewöhnlich breite praktische Erfahrung, auch bei komplexen Krankheitsbildern. Viele sind international ausgebildet, haben im Ausland studiert oder geforscht und verbinden internationale medizinische Standards mit hoher Fallroutine und exzellenten fachlichen Kompetenzen.

Ein weiterer, oft unterschätzter Faktor ist kultureller Natur. Viele ausländische Patienten berichten, dass sie in China mit besonderer Freundlichkeit und Geduld behandelt werden. Die Vorstellung, dass Gäste keine schlechten Erfahrungen machen sollen, ist tief in der chinesischen Alltagskultur verankert – und prägt auch den medizinischen Umgang.

Gleichzeitig gilt: Ein Arztbesuch in China ist nicht für jeden Ausländer problemlos. Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede, Fragen der Nachsorge und nicht zuletzt das Vertrauen in ein fremdes Gesundheitssystem bleiben zentrale Hürden – und entscheiden darüber, ob China sein Potenzial als Standort für Medizintourismus tatsächlich ausschöpfen kann.

Trotzdem dürfte dieser Trend sich in den kommenden Jahren weiter verstärken. Laut einer Studie von Future Market Insights soll sich der chinesische Markt für Medizintourismus von rund 11,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf 22,8 Milliarden US-Dollar bis 2035 nahezu verdoppeln. Internationale Patienten sollen dabei rund 70 Prozent des Wachstums tragen.

Mehrere Faktoren begünstigen diese Entwicklung. Vereinfachte Visa-Regelungen machen die Kombination aus Reise und medizinischer Versorgung für viele westliche Besucher zeitlich und finanziell realistisch. Gleichzeitig führen demografische und wirtschaftliche Veränderungen – kombiniert mit laufenden Reformen im chinesischen Krankenversicherungssystem – zu einer zunehmenden Konsolidierung im Gesundheitssektor. Immer mehr private Krankenhäuser geraten unter Druck, ebenso einzelne öffentliche Einrichtungen. Politisch wird zunehmend betont, dass Krankenhäuser primär eine soziale Funktion erfüllen sollen und nicht als gewinnorientierte Institutionen agieren. Leistungsstarke Kliniken werden verstärkt staatlich finanziert. Die gezielte Förderung des Medizintourismus gilt dabei als Übergangslösung, um hochqualifizierte medizinische Fachkräfte im System zu halten. Mit Blick auf die alternde Gesellschaft braucht China nicht weniger, sondern mehr hochqualifizierte Mediziner.

Auch wenn die laufenden Reformen viele Verbesserungen für Ärzte und Patienten gebracht haben, sind renommierte Krankenhäuser weiterhin stark ausgelastet. Für ausländische Patienten hat die Zentralregierung eine Obergrenze von zehn Prozent der Behandlungskapazitäten festgelegt – ein Kontingent, das vielerorts allerdings noch nicht ausgeschöpft ist.

Dass sich immer mehr Ausländer für eine medizinische Behandlung in China entscheiden, ist auch Ausdruck des rasanten medizinischen Fortschritts des Landes, insbesondere in der biomedizinischen und innovationsgetriebenen Medizin. Sollten künftig Abkommen mit international tätigen Krankenversicherungen zustande kommen, könnte dies nicht nur für China, sondern auch für überlastete und kostenintensive Gesundheitssysteme wie das deutsche neue Perspektiven eröffnen.

*Nan Haifen ist in China aufgewachsen und kam Anfang der 2000er-Jahre als Studentin nach Deutschland. Aus einem Studienaufenthalt wurde ein Leben zwischen zwei Welten. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie an der Schnittstelle von Forschung und Beratung – mit dem Ziel, Kooperationen zwischen sehr unterschiedlichen Akteuren zu ermöglichen, häufig auch im internationalen Kontext. China Abseits ist ihr Versuch, Beobachtungen und Reflexionen mit China-Interessierten zu teilen. Der Titel ist Programm: Abseits der Schlagzeilen. Sie wählt bewusst Themen, die in der deutschen Debatte leicht übersehen werden und doch viel über die chinesische Gesellschaft und ihre innere Logik verraten – seien es regionale Entwicklungen, leise gesellschaftliche Verschiebungen, unternehmerische Dynamik oder kleine Szenen aus dem Alltag. Wer sie ernst nimmt, versteht China besser – und findet eher zu klügeren Formen des Umgangs miteinander. Nan Haifen lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

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