WAN HUA ZHEN I „Jedes System muss am Ende liefern“ / Von Liu Zhengrong*

Ihr Kolumnist verbrachte in diesem Jahr nahezu die Hälfte seiner Zeit in „Greater China“ – also auf dem Festland, in Hongkong und in Taiwan. Auf mehreren Reisen traf er alte Freunde wie auch neue Bekannte: Angestellte, Unternehmer, Professoren – und durch Zufälle auch Straßenhändler, Zugpersonal, Kleinbauern oder den Passagier im Nachbarsitz. Es wäre vermessen, diese Vielzahl persönlicher Eindrücke als repräsentativ auszugeben. Von „Objektivität“ hielt Wan Hua Zhen nie viel, auch nicht in seiner Managerzeit. Wir alle sehen die Welt durch unsere Brille. Dennoch waren all diese Gespräche, ob lang oder kurz, bemerkenswert lebendig und authentisch. Maskenhafte Auftritte brauchte es nicht gegenüber einem Privatier ohne Funktion und Auftrag, der durchs Land reiste. Dass der Mann ein Deutscher ist – darauf kommt ohnehin kaum jemand.

Was hat Wan Hua Zhen aus diesen meist zwanglosen Plaudereien mitgenommen?

Zur allgemeinen Lebenslage hört er am häufigsten: “Mir persönlich und meiner Familie geht es okay. Aber der Wirtschaft insgesamt? Sehr schwierig.“ „Pluralistische Ignoranz“ wäre der Fachbegriff dafür. In Deutschland bestens bekannt. Wie  erklären „die Chinesen“ selbst die Klagen, dass es „allgemein“ viel schwieriger geworden sei? Buchstäblich alle antworten mit derselben Formel:       

„Zhōngguó shízài tài juǎn le!“ 中国实在太卷了!

Der Begriff „juǎn“ wird in englischen Medien schon lange als „involution“ übersetzt – doch was heißt das wirklich? In China muss man ständig auf Hochtouren laufen, um mitzuhalten. Diese Umschreibung kommt der Realität schon recht nah. Die zweite Dimension von „juǎn“ erklärten viele so: „Sobald etwas funktioniert, kopieren es hunderte, wenn nicht tausende. Und einige schaffen es immer, dich zu überholen oder zu unterbieten.“ Beschwerden hin oder her – freuen können sich dennoch alle über kostenlosen Kaffee oder gar Essen, frei Haus, weil die Giganten der Lieferdienste – Alibaba, JD.com, Meituan – sich gegenseitig bekriegen und ruinieren. Das Sinnbild von „juǎn“ im Jahr 2025.

Fast jeder kennt jemanden, dessen Wohnung heute weniger wert ist als das noch 25 Jahre laufende Darlehen. Oder junge Leute, die nach dem Uniabschluss keinen regulären Job finden. Doch auf die eigene Lage angesprochen, sagen wieder die meisten: Sie selbst – oder, Achtung, die Eltern bzw. die Familie – hätten eine oder mehrere Wohnungen, deren Wert trotz Preisrückgangs weit über dem einstigen Kaufpreis liege. Wer heute dramatisch vom „crash“ redet oder schreibt, ignoriert die fabelhafte Wertsteigerungen, die sich über mehr als zwei Jahrzehnten aufgebaut hatten.      

„Die Familie als generationsübergreifende Einheit absorbiert einen Großteil der äußeren Schwierigkeiten“, sagt eine Akademikerin, die zur Tangping-Generation (Tangping, „opt-out“) forscht. Die Haushälterin aus Sichuan (über die Wan Hua Zhen in Nr. 92 von CHINAHIRN berichtete) formulierte es schlichter: „Unser Sohn entspricht leider nicht unseren Erwartungen. 儿子不争气. Aber wir als Eltern haben unser Bestes getan.“ Sehr chinesisch: Man sucht den Fehler bei den eigenen Kindern.

Besonders deutlich zeigt sich die Geschlossenheit jedoch dort, wo es um Chinas Verhältnis zum Westen geht – und zwar schichtenübergreifend. Seit den 1980er-Jahren gab es kaum jemals einen so klaren Konsens über die amerikanische Politik und den Umgang mit ihr. Abseits des Stammtisches, unter Menschen, die sich in ihren Analysen zu innenpolitischen Themen oft stark unterscheiden, hört man dennoch so gut wie keine zweite Meinung: Die US-Politik tue alles, um Chinas Entwicklung auszubremsen. Die USA kenne und verstehe nur Machtpolitik – und das nicht erst seit Trump. Zum Glück aber – so die herrschende Meinung unter meinen Gesprächspartner –  habe China über die Jahrzehnte die eigene Position gestärkt. Anders als Europa. „Peer Rival“, wie die Financial Times am 31. Oktober schrieb, ist in chinesischen Diskussionen längst ein etablierter Begriff. Viele schieben jedoch hinterher: China sei in diese Rolle hineingedrängt worden. Ökonomisch mache es wenig Sinn, überall auf Eigenentwicklung und Autarkie zu setzen – weder für China noch für die USA. „Aber die Amerikaner haben mit den harten Maßnahmen gegen Huawei und ZTE den ersten Schuss abgefeuert.“

„Bis heute gibt es keinen Smoking Gun“, hört man von Peking bis Shenzhen. „Wie kann man erwarten, dass China so ein Vorgehen ohne maximal Widerstand hinnimmt?“

Etwas überrepräsentiert in Wan Hua Zhens Gesprächsrunden waren Personen, die Deutschland kennen und sich dem Land bis heute verbunden fühlen. Doch bei ihnen überwiegt das Kopfschütteln. „Jahrzehntelang hatten die Deutschen den besten Ruf in China – als Investoren, als Handelspartner, als Land der Tugenden, wie Deutschland im Chinesischen heißt“, sagt ein Kollege im Video-Call, sichtlich emotional. Er war in den 1980ern schon als Student in Deutschland. „In weniger als zehn Jahren droht dieser Ruf vollständig zu verschwinden.“

„Ein politisches System wird am Ende nicht daran gemessen, ob man frei über den Präsidenten oder den Kanzler schimpfen kann. Ein System muss liefern – damit es der großen Mehrheit der Bevölkerung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt besser geht.“

„Vorsicht, dafür bekommst du in Deutschland einen Shitstorm.“

„Deswegen sage ich es ja nur dir“, antwortete er, „und halte mich sonst aus der Politik heraus.“

Was Wan Hua Zhen hier wiedergibt, ist keine gezielte Vorauswahl an Meinungen, sondern das, was ihm in diesem Jahr am häufigsten begegnete. Man könnte all jene, die solche Ansichten äußern, kurzerhand zu armen Opfern der KP-Propaganda erklären. Das macht das Leben erst einmal einfacher – wer meine Überzeugung nicht teilt, ist ein Opfer dunkler Macht.

Wirklich besser wird es dadurch nicht.

*Info:

Warum diese Kolumne Wan Hua Zhen heißt und wer der Autor dieser Zeilen ist, erfahren Sie hier: https://www.chinahirn.de/2024/07/08/was-bedeutet-wan-hua-zhen-der-kolumnist-erklaert-und-stellt-sich-v

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