Zehn Jahre ist es her, dass mein heute zwölfjähriger Sohn das Frühlingsfest in China zuletzt erlebt hat, damals noch als Baby. Das Neujahr fällt zwischen Mitte Januar und Mitte Februar – ein Termin, der selten mit den deutschen Schulferien harmoniert.
In diesem Jahr beurlaubten meine Schwester in London und ich unsere Kinder. Zum ersten Mal versammeln sich nun alle sechs Enkel gleichzeitig bei meinen Eltern.
„Komisch“, sagt mein Sohn im Flugzeug, „ich bin gar nicht richtig aufgeregt, obwohl ich zum chinesischen Neujahr fliege.“
„Warte ab“, antwortete ich. „Wenn du die Neujahrsdekoration siehst oder die überfüllten Bahnhöfe mit all den Heimkehrern, dann fühlt es sich vielleicht anders an.“
Doch am Flughafen Pudong sah ich diesmal nur vereinzelt Anzeigen in Neujahrsrot. Weder der Shanghaier Bahnhof Hongqiao noch der einst größte Bahnhof Asiens – Nanjing Süd – wirkten außergewöhnlich. Keine Menschenmassen. Kein Gedränge.
Die Bilder von Wanderarbeitern, die tagelang vor Bahnhöfen kampierten, um ein Ticket in die Heimat zu ergattern, gehören inzwischen ins Geschichtsbuch. Spezialitäten werden nicht mehr mühsam im Gepäck transportiert; per Smartphone wird alles direkt nach Hause bestellt. Die meisten Inlandsreisenden reisen heute elegant – mit schicken Koffern oder nur mit einem kleinen Rucksack.
Der einzige sichtbare Unterschied: Am Flughafen Pudong stand ein Mitarbeiter an den Automaten für die Shuttle-Metro zwischen Terminal und Bahnhof. Er fragte nach der Anzahl der Tickets und erledigte den Kaufvorgang direkt für die Passagiere – ein kleiner Extra-Service, um den heimwärts drängenden Reisenden Zeit zu sparen.
Erst später erfuhr ich, dass die diesjährige Neujahrsreisewelle früher begonnen hatte als üblich.
Mein Sohn bemerkte es sofort: Auch der Verkehr rund um Nanjing war leerer als sonst zu dieser Uhrzeit. Große Städte wirken über Neujahr traditionell wie ausgestorben. Doch die neuesten Statistiken zeigen, dass in den vier Wochen rund um das diesjährige chinesische Neujahr etwa 9,5 Milliarden interregionale Passagierbewegungen registriert wurden.
Mein Bruder hatte bereits zwei Monate zuvor einen großen Tisch für 16 Personen reserviert. Auch wenn die Kernfamilien kleiner werden, bleibt es Tradition, am chinesischen Silvester im großen Familienkreis zusammenzukommen. Es gilt als besonderes Glück, wenn Großeltern, Kinder und Enkel an diesem Abend gemeinsam feiern.
Gute Restaurants sind oft Monate im Voraus ausgebucht. Da viele Mitarbeiter frühzeitig in ihre Heimat zurückreisen, stehen Restaurantbetreiber vor der Herausforderung, die hohe Nachfrage zu bewältigen. Manche bedienen ihre Gäste in Schichten. Früher wäre es undenkbar gewesen, das Silvesteressen im Restaurant mit einem festen Zeitfenster von zwei bis drei Stunden zu versehen.
Feuerwerk ist seit Jahrzehnten in vielen urbanen Regionen nur noch am Stadtrand erlaubt. Mein Sohn war enttäuscht, dass zum Neujahr kaum Böller in Nanjing zu hören waren. Im Fernsehen läuft zwar die große Neujahrsgala, doch für ihn – und seine nicht chinesisch sprechenden Cousins – bleibt unverständlich, warum das halbe Land dieses Programm verfolgt.
Was sie hingegen begeistert: die digitalen roten Umschläge, die in den Familien-WeChat-Gruppen verteilt werden und die sie wie bei einer kleinen Lotterie öffnen können – ein Fingertipp, ein Zufallsbetrag.
Als Kinder bekamen wir am Silvesterabend oft neue Kleidung, die wir am ersten Tag des neuen Jahres tragen durften. Diese Tradition ist längst verblasst – neue Kleidung kann man sich heute jederzeit kaufen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Silvesteressen. Ich erinnere mich gut daran, dass es vor 30 Jahren auf unserem Dorfmarkt Karotten nur in der Woche rund um Neujahr gab, weil sie in unserer Region nicht angebaut wurden. Sie waren nicht einmal zum Essen gedacht, sondern dienten als Dekoration für das Festmahl, das Eltern oder Großeltern tagelang vorbereiteten.
Das Neujahrsgefühl ist schwächer geworden. Was früher außergewöhnlich war, ist Alltag geworden. Was man früher selbst vorbereitete, wird heute als Serviceleistung geliefert. In vielen großen urbanen Zentren wirkt das chinesische Neujahr inzwischen erstaunlich ruhig.
Erst als wir heute Nachmittag nach vier Stunden Fahrt mit dem Schnellzug in unserer Heimatstadt Wenzhou ankamen, spürten wir wieder etwas vom Neujahrsgefühl.
Wenzhou hat zwar auch fast zehn Millionen Einwohner. Viele Dörfer sind in den letzten Jahren nach und nach Teil der städtischen Bezirke geworden. Und doch herrscht hier – stärker als in vielen anderen Regionen – noch eine ausgeprägte lokale Tradition, vielleicht auch dem schwer verständlichen Dialekt zu verdanken. Trotz Urbanisierung sind die Neujahrsbräuche lebendig geblieben.
Auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel sah man überall rote Lampions und rote Neujahrs-Kouplets an den Eingängen der Wohnanlagen. Am Straßenrand lagen noch rote Papierschnipsel von gezündeten Böllern. In der Luft hing der typische Geruch von Schwarzpulver. Auf dem Vorplatz eines neu eröffneten Einkaufszentrums standen riesige Blumen- und Tierlaternen – leuchtend, farbenprächtig, fast überdimensioniert. Jeden Tag ist ein Sonderprogramm eingeplant – von traditionellen Bänke-Drachen, einem Drachentanz, der aus langen Holzbänken gebildet wird, bis zur Open-Air-Yue-Opera.
Meine vier Tanten und zwei Onkel wohnen heute alle in supermodernen Apartments mit Smart-Home-Systemen, aber morgen werden wir gemeinsam in das fünfzig Jahre alte Bauernhaus fahren, in dem mein 92-jähriger Großvater unbedingt weiterhin wohnen möchte.
Er sei schon sehr aufgeregt, berichtet mein Onkel. Für ihn ist es auch das erste Mal, dass alle Urenkel bei ihm sind.
Die Neujahrsrituale werden sich mit der Zeit und mit gesellschaftlichen Veränderungen weiter wandeln. Doch was bleibt und den Kern des Neujahrsfestes bestimmt, ist die Familie.
*Nan Haifen ist in China aufgewachsen und kam Anfang der 2000er-Jahre als Studentin nach Deutschland. Aus einem Studienaufenthalt wurde ein Leben zwischen zwei Welten. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie an der Schnittstelle von Forschung und Beratung – mit dem Ziel, Kooperationen zwischen sehr unterschiedlichen Akteuren zu ermöglichen, häufig auch im internationalen Kontext. China Abseits ist ihr Versuch, Beobachtungen und Reflexionen mit China-Interessierten zu teilen. Der Titel ist Programm: Abseits der Schlagzeilen. Sie wählt bewusst Themen, die in der deutschen Debatte leicht übersehen werden und doch viel über die chinesische Gesellschaft und ihre innere Logik verraten – seien es regionale Entwicklungen, leise gesellschaftliche Verschiebungen, unternehmerische Dynamik oder kleine Szenen aus dem Alltag. Wer sie ernst nimmt, versteht China besser – und findet eher zu klügeren Formen des Umgangs miteinander. Nan Haifen lebt mit ihrer Familie in Hamburg.