Am vergangenen Wochenende sind Dennis Schulz (50) und seine Familie nach über 20 Jahren in China in Hamburg angekommen. Den Architekten verbindet eine lange Geschichte mit China: Exkursion mit seiner Fachhochschule 1999, Recherche für seine Diplomarbeit als Architekt 2003, Umzug nach Shanghai direkt nach dem Studium 2004. Dann ein kurzer Zwischenstopp in Hamburg, bevor es 2012 wieder nach Beijing und später erneut nach Shanghai ging. In seiner China-Zeit arbeitete Schulz für Drees & Sommer, ein international operierendes Unternehmen mit Sitz in Hamburg, das Projektmanagement und bautechnische Beratung anbietet. Hier gibt Schulz seine persönlichen Erfahrungen von über 20 Jahren China wieder:
Zeit also, knapp zwei Jahrzehnte in China Revue passieren zu lassen – vor allem, wie sich das Land in dieser Zeit verändert hat. Keine Sorge, das wird kein politischer Essay oder philosophischer Rundumschlag. Stattdessen ein Blick auf die kleinen, alltäglichen Dinge, die sich fast unbemerkt, aber grundlegend gewandelt haben.
Von der Werkbank der Welt zum Hightech-Standort
Die Medien sprechen von der „New China Story“ oder der „Neuen Normalität“. Aber was bedeutet das im Alltag? Hier einige Beobachtungen aus erster Hand:
Wenn wir die Entwicklung des Automobilmarktes ausklammern: Heute muss niemand mehr befürchten, sich auf kaputten Gehwegen in Shanghai die Füße zu brechen. Straßen sind gepflegt und die typischen Streetfood-Karren sind fast verschwunden.
Spannend war auch, wie sich das China-Bild in Deutschland wandelte. Nach meinen ersten Reisen 1999 und 2003 reagierten Freunde und Familie noch ungläubig auf Fotos von Wolkenkratzern und Glasfassaden – und wunderten sich über die wenigen Fahrradfahrer. Besucher in den Jahren 2006 und 2007 waren beeindruckt vom Maglev und der rasanten Modernisierung. Heute hingegen sehen viele China als „systemischen Gegner“. Und doch: Wer das Land mit eigenen Augen erlebt, ist weiterhin überwältigt – von Digitalisierung, Elektromobilität und dem gigantischen U-Bahn-Netz.
Eisenbahn
2006/2007: Projekt in Wuxi, 150 km westlich von Shanghai. Wöchentliche Baustellenbesuche. Eine Kollegin musste mit – als Dolmetscherin. Ihre Reaktion auf die Zugfahrt? Entsetzen. „Schmutzig, langsam, schäbige Leute.“ Zwei Stunden Fahrt, unbequem bis katastrophal. Einmal fielen mir im Ferienreiseverkehr sogar Reisetaschen auf den Kopf, während sich stehende Mitreisende an mir vorbeiquetschten.
Nach Hefei zu den Schwiegereltern? 500 km in neun Stunden – Nachtzug, versteht sich. In Bengbu dampften nachts sogar noch echte Dampfloks durch die Gegend.
Heute? Wuxi in 40 Minuten, Hefei in 2,5 Stunden – mit Hochgeschwindigkeitszügen, die pünktlicher sind als so mancher deutscher ICE.
Ticketing
Früher war der Ticketkauf ein Abenteuer – und zwar kein schönes. Nur Direktverbindungen, nur am Abfahrtsort, maximal 14 Tage im Voraus. 2008 in Tianjin wollten wir Tickets für die Neujahrsreise kaufen. Stundenlanges Warten in einer stickigen, überfüllten Verkaufsstelle. Als wir fast dran waren, machte die Kasse einfach zu. Ohne Kommentar. Wir gaben auf.
Heute? App auf, Verbindung wählen, buchen. Kein Ticket mehr nötig – der Pass wird beim Einstieg gescannt. Effizient, digital, schmerzfrei. Fast schon unheimlich.
Fapiaos
Chinesische Quittungen … die bekam man vor 20 Jahren im Grunde nachgeworfen! Es waren Abreißzettel, die man in Restaurants – oder wo immer man etwas bezahlt hatte – ausgehändigt bekam. Überall wurde großzügig aufgerundet, weil es sie nur in verschiedenen Beträgen vorgedruckt gab. Nachvollziehbar in einer Spesenabrechungen waren die eigentlich nicht – es war nur ein Betrag drauf gedruckt, nicht, wer sie ausstellte. Heute? Musste man die Steuernummer der Firma sowie die Bankverbindung angeben, um überhaupt eine Quittung zu bekommen. Man kann also guten Gewissens sagen: wir haben uns von einem Extrem ins andere bewegt.
Sicherheit
Früher: Taschendiebe, besonders vor dem Frühlingsfest. Einmal versuchte jemand, unseren Rucksack auf der Straße zu öffnen. Ein anderes Mal wurde im Zug eine ganze Diebesbande geschnappt – per Lautsprecherdurchsage angekündigt, später auf dem Bahnsteig gefesselt aufgereiht. Öffentlichkeitsarbeit à la China.
Heute? Man lässt sein Handy unbeaufsichtigt laden. Niemand klaut es. Dank flächendeckender Kameras. Orwell hätte seine Freude. Aber hey – sicher ist sicher, oder?
Bestellungen
2007 in Tianjin: Wir kauften uns einen „Hackenporsche“, um den langen Weg zum Supermarkt zu bewältigen. Heute? Niemand geht mehr einkaufen. Alles wird per App bestellt und geliefert. Carrefour, Walmart, Metro? Praktisch verschwunden. Darwinismus im Einzelhandel. Aber, warum? Weil es von Tencent und Alibaba entwickelte Super-Apps gibt, die im Grunde komplette Oeko-Systeme darstellen, in der man sein ganzes Leben organisieren kann!
Ausländische Produkte
Früher galten sie automatisch als besser – allein, weil sie aus dem Ausland kamen. Ein Braun-Rasierer, den es auch in China gab, wurde lieber aus Deutschland mitgebracht. Das war etwas Besonderes, und man konnte sicher sein, kein Plagiat erwischt zu haben.
Heute dominieren Fahrzeuge aus heimischer Produktion die Straßen. Ausländische Hersteller kämpfen um ihre Zukunft. Und mit dem hässlichen „Labubu“ hat China sogar ein globales Phänomen geschaffen.
Kommunikation
In meinen ersten Jobs lief kaum etwas ohne den Messenger-Dienst QQ. Der ist längst verschwunden – heute organisiert WeChat unser gesamtes Leben. Niemand nutzt privat noch ein Festnetztelefon, und bei unbekannten Nummern geht man gar nicht erst ans Handy.
Übrigens: Auch der Shanghai-Dialekt, den man früher überall hörte, ist nahezu verschwunden.
Instantnudeln
2004: 40 Grad in der engen Küche, Kochkünste eher experimentell. Also: Instantnudeln. Supermärkte hatten ganze Gänge voll davon. Jeder Chinese auf Reisen hatte welche dabei.
Heute? „Master Kong“ betreibt Restaurants, weil keiner mehr Instantnudeln im Supermarkt kauft. Man kann sich alles liefern lassen – sogar unterwegs in den Zug. Nur meine Tochter liebt sie noch. Für sie sind sie „der Duft der weiten Welt“. Nostalgie in Tütenform.
Taxi
Früher: An der Straße stehen, winken, hoffen. In Beijing 2012 stand ein Mitarbeiter unseres Compounds draußen und versuchte, ein Taxi für uns zu ergattern. Heute? Didi-App. Zwei Klicks, Auto kommt. Und der Fahrer fährt sogar den direkten Weg – meistens.
U-Bahn
1999: Zwei Metrolinien gab es in Shanghai bei meinem ersten Besuch. Arbeiter fuhren für 1 RMB nach Pudong, zurück ging’s gratis mit der Fähre. In Beijing gab’s bis 2008 noch Papierschnipsel als Tickets – wie im Schultheater.
Heute? Shanghai: 808 km U-Bahn. Beijing: 879 km. Beide Städte konkurrieren um den Titel „längstes U-Bahn-Netz der Welt“.
Zensur / Internet
Früher: Alles war erreichbar. Heute? Nun ja … sagen wir einfach: VPN ist mein bester Freund. Mehr sage ich dazu lieber nicht.
Kaffeekultur
2004: Starbucks war der heilige Gral. Anständiger Kaffee? Nur noch in Luxushotels. Heute? Überall Cafés, von hip bis hyperlokal. Tanten aus der Nachbarschaft, die vor 10 oder 20 Jahren eher ihren Grünen Tee aus der Thermosflasche geschlürft hatten, sitzen im Wagas. Und Starbucks heute? Wird von Luckin Coffee & Co. an die Wand gedrückt – die liefern ja sogar an die nächste Straßenecke ohne Adresse.
Und was hatte es noch gegeben … ?
Die Liste ließe sich wohl noch endlos fortsetzen. Spontan fallen mir noch folgende Punkte ein:
- Der Familienname „Li“ wurde von „Wang“ überholt.
- Man muss nicht mehr 1 RMB extra für einen klimatisierten Bus bezahlen.
- Die Schultertaschen und Goldketten der Männer sind aus dem Alltag verschwunden.
- Die Partyviertel haben sich verlagert: Als ich ankam, waren es noch Hengshan Lu und später Maoming Nan Lu (wo „Business-Ladies“ versuchten, ungefragt in dein Taxi einzusteigen).
- Das legendäre „All You Can Eat Salat Buffet“ bei Pizza Hut ist verschwunden.
Und ich … ?
Zum Schluss muss ich mich selbst fragen, wie hat China mich in der Zeit verändert? Ich habe in vielen Punkten meine Einstellungen geändert, zum Beispiel bei den hier folgenden:
- Warmes Wasser trinken ist lecker (zumindest in der kalten Jahreszeit)
- Scharf essen ist klasse (gern schon Chili-Paste zum Frühstück)
- Es spricht nichts gegen Nudelsuppe zum Frühstück
- Im Pyjama einkaufen gehen ist normal (zumindest, andere Leute so zu sehen, ich selbst hatte das lediglich einmal gemacht …)
- Der „Tür Zu“ Knopf im Aufzug wurde mein bester Freund (wenn man drei Mal drückte, ging die Tür garantiert noch schneller zu)
- Ich hatte gelernt, dass die Kühlkette überbewertet wird (aufgetautes oder angetautes Fleisch wieder einfrieren? Kein Problem!)
Was sich nicht verändert hat?
Das beste Englisch in Shanghai gibt’s immer noch auf dem Fake Market … früher in der Xiangyang Lu – heute in der Mall am Science & Technology Museum.