POLITIK I Was passiert da in der chinesischen Militärführung?

Am Samstag, den 24. Januar, ging in Beijing um 15 Uhr – bildhaft gesprochen – eine Bombe hoch. Das Verteidigungsministerium verkündete, dass zwei hochrangige Militärs suspendiert wurden: Zhang Youxia und Liu Zhenli. Beide waren Mitglieder der Zentralen Militärkommission (englisch: China Military Council, CMC), dem höchsten militärischen Führungsorgan der KP und der Armee. Als Grund für die Suspendierung wurden „serious violations of party discipline and law“ genannt. Im chinesischen Sprachgebrauch ist das die Umschreibung für Korruption. Damit hat die Zentrale Militärkommission nur noch zwei Mitglieder – der militärisch unbedeutende Zhang Shengmin und Xi Jinping, der seit 2012 deren Vorsitzender ist. Vor wenigen Jahren bestand das Gremium noch aus sieben Mitgliedern. Doch nach und nach wurden fünf von ihnen eliminiert und nicht wieder ersetzt.

Was hat das alles zu bedeuten? Die ehrlichste Antwort kam von David S G Goodman vom China Studie Centre an der University  of  Sydney. Er schreibt in Asia Times vom 28. Januar: „Interpreting these developments is difficult, if not impossible.“  Es ist davon auszugehen, dass nur ein ganz kleiner Kreis in den Coup eingeweiht war. Gleichwohl versuchen China-Experten in aller Welt zu interpretieren, wie und warum es zu diesem Rauswurf kam: Gibt es Machtkämpfe in der Partei und im Militär? Wackelt Xi? Schwächt das das chinesische Militär? Wie kampfbereit ist die Truppe?

Am weitesten lehnte sich Sarah Kirchberger (Institut für Sicherheitspolitik, Uni Kiel) aus dem Fenster. Gegenüber den Ippen-Medien sagte sie: „Hier ist ein extrem harter Machtkampf in der absoluten Führungsebene ausgebrochen. Es ist ein dramatischer Konflikt, der Schockwellen im gesamten politischen System auslösen kann.“  Ähnlich dramatisch sieht es Christopher Johnson, ehemaliger China-Analyst beim FBI. Er schreibt in Foreign Affairs (30. Januar) vom „biggest political earthquake to hit the top brains of the PLA since 1989.”

Von den beiden Entlassenen war Zhang bei weitem der Bedeutendste. Viele dachten, Zhou Youxia sei unantastbar. Er und Xi Jinping waren sogenannte Prinzlinge, die Kinder von revolutionären Vätern, die einst an der Seite Maos im Bürgerkrieg kämpften. Zhou und Xi Jinping gingen in den gleichen Kindergarten in Zhongnanhai, wo Chinas politische Elite wohnt.

Einer der wenigen im Westen, der Zhou kannte, ist Drew Thompson. Er war von 2011 bis 2018 Director China im Pentagon und ist heute Senior Fellow an der S. Rajaratnam School of International Studies CSIS) an der NTU in Singapur. Er schreibt in einem Artikel vom 26. Januar: „I have been hearing rumours since 2023 that he was being investigated.” Aber er glaubte nicht an eine Anklage: “I assess  that Zhang Youxia´s combat experience, his self-confidence, intellect and life-long commitment to the defense of China and the Communist Party would protect him.” Für Thompson war Zhou “the one active duty PLA officer who could give Xi the best, most objective advice about PLA military capabilities including the PLA’s shortcomings, and crucially the human cost of military conflict.”

Warum schmeißt also Xi Jinping seinen vermeintlich besten Mann raus? Es gab mehrere Interpretationen des Rauswurfs. Eine davon lieferte ein Artikel im Wall Street Journal vom 26.Januar. Dort behauptet die Chefkorrespondentin China Lingling Wei, dass Zhang Youxia Unterlagen über das chinesische Atomprogramm an die USA weitergegeben habe. Wörtlich heißt es dort mit Bezug auf eine chinesische Quelle: „China’s senior most general is accused of leaking information about the country´s nuclear-weapons program to the United States.” Bill Bishop (Sinocism) kommentiert: “I am sceptical Zhang was leaking to the US.” Neil Thomas (Asia Society Policy Institute) fragt: “Wie hätte er das anstellen sollen? Er sei doch komplett überwacht worden, und er hätte nicht unbemerkt jemand treffen können.

K. Tristan Tang spekuliert im China Brief der Jamestown Foundation (26. Januar), dass es zwischen Zhang und Xi zu Differenzen über die Kampfbereitschaft des Militärs gekommen sei, vor allem im Hinblick auf einen Angriff auf Taiwan.

Eine andere Interpretation gaben Jonathan A. Czin und John Culver (beide bei Brookings und ehemalige CIA-Mitarbeiter) in Foreign Affairs vom 2. Februar: „It is more likely that Zhang simply outlived his usefulness to Xi. Having relied on Zhang to consolidate his own power in the PLA and eliminated most of Zhang’s generational cohort, Xi may have calculated that it no longer made sense to keep an aging and corrupt officer in the top job.” Es sei “a ultimate illustration of just how little trust Xi has in the PLA. Er wolle damit zeigen: “No one is safe.”

Info:

David S G Goodman in Asia Times: https://asiatimes.com/2026/01/reading-the-tea-leaves-on-xis-latest-military-purge/

Der Artikel von Drew Thompson über Zhang Youxia: https://chinadrew.substack.com/p/the-demise-of-zhang-youxia-hits-different

Artikel von Christopher Johnson in Foreign Affairs https://www.foreignaffairs.com/china/unsettling-implications-xis-military-purge

Artikel von K. Tristan Tang in China Brief: https://jamestown.org/zhang-youxias-differences-with-xi-jinping-led-to-his-purge/

Artikel von Czin und Culver in Foreign Affairs: https://www.foreignaffairs.com/china/xi-destroyer

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