2011 haben die chinesischen Behörden dem unbequemen Künstler und kritischen Geist Ai Weiwei (68) den Pass abgenommen, 2015 bekam er ihn zurück. Danach reiste er nach Europa. Er ließ sich erst in Deutschland nieder, in Berlin – um genauer zu sein. 2019 zog er dann vom – für ihn im doppelten Sinne – kalten Deutschland nach ins angenehmere Klima nach Portugal um. Während der zehn Jahre in Europa war er nie mehr in seinem Heimatland China – bis zum Dezember 2025. Dann wagte er eine Reise nach Beijing, zusammen mit seinem 17jährigen Sohn. Es war eine Reise, die nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit stattfand. Erst danach berichteten einige wenige Medien über den diskreten Besuch des chinesischen Enfant Terrible in seiner Heimat. Und darin nannte Ai Weiwei einige wenige Details seiner Reise. So sei er bei der Einreise zwei Stunden lang befragt worden, ehe er die Immigration passieren durfte. Es seien aber einfache Fragen gewesen, sagte er. Zum Beispiel: Wie lange er bleiben wolle, wohin er reisen wolle. Sein Gefühl beschreibt er laut einem CNN-Artikel so: „I felt like a phone call that had been disconnected for ten years, suddenly reconnected. The tone, rhythm and speed, all returned to how they were before.” Ihm wurde bei dem Besuch klar, was er am meisten vermisst habe – Chinesisch zu sprechen. „For immigrants, the greatest loss is not wealth, loneliness or unfamiliar lifestyle, but the loss of linguistic exchange.”
Ein Foto in einem Artikel von CNN zeigt Ai Weiwei mit seinem Sohn im Flughafen von Beijing. Auf einem anderen Foto, das auf dem Instagram-Account von Ai Weiwei zu sehen ist, posiert er mit seiner 93 Jahre alten Mutter. Sie sei sehr glücklich gewesen, ihren Enkel zu sehen. Die beiden hätten sich die ganze Zeit an den Händen gehalten. Sie habe nicht viel gesagt, sei sehr zufrieden gewesen. Und dann wurde er etwas poetisch: „That contentment was like a gentler wind on a hot day, or a few drops of rain during a drought – natural, human and happiness.”
Warum die Behörden ihn ziemlich unbehelligt einreisen ließen , erklären Beobachter damit, dass Ai Weiwei in China dank Zensur keine große Nummer mehr in China ist und dass China durch eine mögliche Verhaftung keinen Aufschrei im Ausland provozieren wollte. Außerdem hat sich Ai Weiweis Weltbild dem der chinesischen Führung angeglichen. Auch er sieht China im Aufstieg und den Westen im Abstieg: „The West increasingly struggles to sustain its own logic, in many areas it has lost its ethical authority and descended into something barely recognizable.“
Drei Wochen lang hielt sich Ai Weiwei in China auf. Zurück in Europa gab er Susanne Lenz in der Berliner Zeitung (11. Januar) ein Interview, in dem er kräftig austeilte – vor allem gegen denWesten und insbesondere gegen sein früheren Gastland Deutschland. Es sei ein unsicheres und unfreies Land. Es sei kalt, rational und sehr bürokratisch. In seiner Zeit in Deutschland sei er fast von niemandem nach Hause eingeladen worden. Das Leben in Europa sei in den vergangenen zehn Jahren durch die Bürokratie viel schwieriger geworden als in China. Sein chinesisches Bankkonto hätte er zum Beispiel in ein paar Minuten eröffnet. Starker Tobak eines Mannes, der nach allen Seiten austeilen kann.
Info:
Hier ein CNN-Artikel mit Fotos von seiner Reise: https://edition.cnn.com/2026/01/22/style/ai-weiwei-beijing-visit-hnk-intl-dst
Hier das Interview von Susanne Lenz in der Berliner Zeitung (hinter einer Bezahlschranke): https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/ai-weiwei-haelt-deutschland-einen-spiegel-vor-meine-bankkonten-wurden-zweimal-geschlossen-li.10013035
Am 3. März erscheint das neue Buch von Ai Weiwei: On Censorship, Thames & Hudson, 12,99 Pfund.