Am 30. Dezember erschien die letzte Ausgabe der Dalian Evening News. Nach 37 Jahren stellte die Zeitung in der nördlichen Hafenstadt mit ihren über sechs Millionen Einwohnern ihr Erscheinen ein. Schon 2019 machte eine andere Zeitung in Dalian, die Xinshang News, dicht. Damit hält das Zeitungssterben in China an. Nach einem Bericht von Lingua Sinica (7. Januar) haben um die Jahreswende mindestens 14 Zeitungen in chinesischen Städten und Regionen aufgegeben. In der Übersicht der sterbenden Blätter, die Lingua Sinica veröffentlichte, befinden sich Zeitungen wie Jiangnan Travel News (Yangtse Delta), Yanzhou Rural News (Hebei) und Langfang Metropolitan News (Hebei).
Dies sind alles sogenannte metropolitan newspapers, die anfangs der 90er Jahre in vielen Städten entstanden sind – auch als Gegengewicht zu den herrschenden Parteizeitungen, denen es vor allem um die Vermittlung von Propaganda ging. Diese neuen
Zeitungen hingegen griffen auch kritische Themen auf und berichteten darüber. Als Prototypen dieser Art von Zeitungen galten die 1995 gegründeten Huaxi Metropolitan News (Chengdu) und vor allem die 1997 gestartete Southern Metropolis Daily (Guangzhou). Die Huaxi Metropolitan News wurden zum Beispiel durch ihre Berichterstattung über eine Aids-Epidemie infolge eines Blutspende-Skandals in Henan berühmt. Für diese Blätter arbeitete auch eine neue Generation von investigativen Journalisten, die Hoffnung auf eine offenere Presse machte. Doch diese Hoffnungen wurden enttäuscht. Viele Printmedien schlitterten in eine finanzielle Krise, weil sie sowohl Anzeigenkunden als auch Leser verloren. Die Anzeigen erreichten 2011 ihren Höhepunkt, danach waren die Anzeigenerlöse im freien Fall. 2021 (neuere Zahlen liegen offenbar nicht vor) betrugen sie nur ein Fünfzehntel von denen des Jahres 2011. Parallel dazu verloren viele Zeitungen Leser. Lingua Sinica zitiert Zhang Yiwu, Professor an der Peking Universität, mit einer Erklärung für den Niedergang: „Short videos and livestreaming replaced text-based newspapers. Metropolitan newspapers and evening papers took the hardest hit.“ Die Partei- und Staatszeitungen waren vom Niedergang der Printmedien nicht in dem Maße betroffen, weil Partei und Regierung sie als Propaganda-Instrumente nach wie vor benötigten und mit Subventionen unterstützten. Zudem machte die Partei mit ihren Auftritten in den sozialen Medien den „unabhängigen“ Printmedien Konkurrenz.
Interessant ist, dass die Zeitungen, die nun aufgeben, nicht von einer Schließung ihrer Aktivitäten reden, sondern lediglich von einer Aussetzung. Diese Wortwahl erklärt sich mit dem chinesischen System der Lizenzvergabe für Medien. Jedes Medium braucht danach eine Lizenz, die sogenannte kanhao (刊 号). Sie wird von der National Press and Publication Administration vergeben und ist nicht einfach zu bekommen. Durch die Aussetzung ihrer Aktivitäten können die Zeitungshäuser die Lizenz behalten. Wer weiß, vielleicht können sie sie irgendwann mal wieder gebrauchen.
Info:
Hier der Artikel in Lingua Sinica über das Zeitungssterben mit einer Tabelle der zum Jahreswechsel geschlossenen Zeitungen: https://lingua-sinica.org/paper-cuts/