Es gehört seit jeher zu den Floskeln in China lebender Ausländer: „Shanghai ist aber nicht China.“
So sagte man es, wenn wieder Freunde, Kollegen oder Chefs aus Deutschland zu Besuch kamen. So hört man auch über Peking. Nun ja – Paris ist nicht Frankreich, Berlin nicht gleich Deutschland.
Die „Etwas-ist-nicht-gleich-China“-Liste hat sich zwischenzeitlich noch verlängert: „Das Jangtse-Delta ist nicht gerade China.“„Chongqing ist nicht China.“
Und natürlich: „Shenzhen ist aber nicht China.“
Warum eigentlich nicht?
Mit diesem Standardsatz wollte man früher darauf hinweisen, dass China nicht überall so reich und prosperierend sei wie Shanghai oder Peking. Etwas strenger formuliert, mit oder ohne erhobenen Zeigefinger: „Lasst euch bloß nicht täuschen, China ist in Wirklichkeit viel ärmer und hat viele Probleme!“ (Über dieses „China hat viele Probleme, wirklich!“ hat Wan Hua Zhen in diesem Jahr genug gelästert.)
Aber von wem sollte man sich täuschen lassen? KP-Propaganda? Ironischerweise war es gerade der chinesische Staat, der unermüdlich betonte: „Wir sind noch immer ein Entwicklungsland.“ Was dann wiederum auch als Propaganda galt. Wie man es auch macht …
Sei’s drum. Es ist an der Zeit, diese Floskeln zu streichen – oder besser noch: sie umzukehren. Shanghai ist China. Shenzhen auch.
Denn was man andernorts sieht oder vermutet, erlebt man in diesen Megastädten genauso, oft noch intensiver.
In puncto Infrastruktur oder Sauberkeit sind die Unterschiede inzwischen – wenn überhaupt – in weiten Teilen des Landes gering. Das schließt leider auch eine gewisse Einfallslosigkeit beim Wohnungsbau ein, überall in China. Fernab der Stadtzentren mit spektakulären Bauten westlicher Stararchitekten wirken die Wohnblocks in den Außenbezirken von Shenzhen und Shanghai ähnlich öde, wenn nicht gar bedrückend – zumindest aus westlicher Perspektive.
Auch bei Lebensqualität und Lebenshaltungskosten zeigt sich ein vergleichbares Bild. Wo Gehälter niedriger sind, sind Wohnungen – die größte Ausgabe und Investition auch in China – entsprechend günstiger. Auf Rankings zur „Livability“ liegen Städte wie Chengdu, Xiamen, Qingdao oder Suzhou regelmäßig vor Shanghai und Shenzhen.
Die wirtschaftliche Krise trifft die „Nicht-China“-Städte mit gleicher Wucht: sei es im Immobiliensektor oder im produzierenden Gewerbe. In der Woche, in der Wan Hua Zhen in Shenzhen zu Besuch war, kursierten Online-Videos protestierender Angestellter gegen die Schließung eines lokalen Tech-Unternehmens. Kein Einzelfall.
Auch beim Thema Korruption und deren Bekämpfung genießen weder Shenzhen noch Shanghai eine Sonderstellung. Gegen Dai Beifang, einen prominenten Lokalpolitiker, der über 30 Jahre in Shenzhen tätig war – zuletzt im Rang eines Vizeministers –, wurde kürzlich ein Verfahren eröffnet. Nicht untypisch für solche Fälle: Er ist seit drei Jahren im Ruhestand.
Ein Land kontinentaler Ausdehnung kann freilich nicht durch eine einzige Stadt vollständig repräsentiert werden, obwohl Shanghai und Shenzhen wahre Schwergewichte sind. Das Bruttoinlandsprodukt Shanghais entspricht etwa der Größe von Schweden (oder Polen), für Shenzhen ist aktuell Irland (oder Israel) der Benchmark.
Eine Reise „nur“ nach Shenzhen und Shanghai führt heute jedoch nicht mehr zu einer verzerrten Wahrnehmung Chinas. Wie kaum anderswo sind hier Stärken und Schwächen, Potenziale und Risiken des Landes in hochverdichteter Form sichtbar. Wer Interesse für Glanz und Schatten hat, findet sie.
Hinzu kommt: Shanghai und Shenzhen sind Migrantenstädte. In Shenzhen stammen rund 98 % der Einwohner aus anderen Teilen Chinas. Von wegen also: „Shenzhen ist nicht China.“
Ein Besuch in Shenzhen und Shanghai schärft ausländischen Gästen vielmehr den Blick darauf, was aus diesem Land noch werden könnte, UND, welche Herausforderungen es dafür meistern müsste.
Just an dieser Stelle fiel mir ein Artikel der New York Times in die Hände.
„Beijing is using its messaging tools to show off its prowess at building infrastructure and project power“, schrieb die Kolumnistin Li Yuan am 17. Dezember. Amerikanische Eliten, so Yuan, übernachteten in Luxushotels, besuchten profitable Unternehmen und träfen Funktionäre, die unter der eisernen Herrschaft Xi Jinpings überlebt hätten. Mit dem Alltag gewöhnlicher Chinesen, die wirtschaftlichen Druck verspürten, kämen sie hingegen kaum in Berührung.
Frau Yuan ist – wie Ihr Kolumnist – in China geboren, aufgewachsen und später ins Ausland gegangen. Unsere heutige Sicht auf China könnte unterschiedlicher kaum sein. Wunderbar.
Frau Yuan lebt weiter in der Welt des „Shenzhen-ist-nicht-China“. Wan Hua Zhen hingegen ist überzeugt: Was Shenzhen auszeichnet – stellvertretend für China insgesamt – sind nicht Hochhäuser, Brücken oder Hochgeschwindigkeitszüge. Es sind die Menschen und deren Mentalität. Der Westen neigt in seinen China-Analysen dazu, dem System zu viel und den Menschen – sowie deren Interaktionen mit diesem System – zu wenig Bedeutung beizumessen.
Die Menschen, denen Wan Hua Zhen und seine Freunde im November in Shenzhen und in Shanghai begegneten, leben in keiner perfekten Welt. Sie sind nüchtern genug, um genau das zu wissen. Sie sind pragmatisch genug, zu akzeptieren, dass jedes gesellschaftliche System erhebliche Kompromisse, also Trade-Offs – von den Menschen abverlangt. Vor allem aber sind sie darauf fokussiert, nicht zu lamentieren, nicht auf andere zu hoffen, sondern: es selbst zu MACHEN.
Der Manager im Prunksaal, der seine Expansionspläne für Europa vorstellte, tat das. Nicht, dass er nicht wüsste, dass Europa ein harter Brocken wäre.
Die livestreamende TikTokerin auf dem Nachtmarkt, gesanglich bestenfalls durchschnittlich begabt, ebenfalls. Nicht, dass sie nicht wüsste, dass ihre Chance auf einen Durchbruch gering wäre.
Und man gewinnt allmählich den Eindruck, dass die beiden Städte – mit ihren jeweils 20 oder 25 Millionen Einwohnern – so ticken.
Jeden Tag.
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