UMFRAGE I Was Chinesen über Deutschland denken

Wir reden inzwischen hierzulande viel über China. Und wir diskutieren zum Teil heftig über China. „Die Debatte über den richtigen Umgang mit China wird intensiv, kontrovers und zunehmend emotional geführt“, schreiben Mischa Skribot und Christoph Beier in ihrer Studie „Chinesische Perspektiven auf Deutschland“ der GIZ (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit). Die Debatte sei aber „geprägt von Verallgemeinerungen und Polarisierung“, auch weil wir uns nicht die Mühe machten, China zu verstehen. Wenn man seriös diskutieren will, muss man die Position des Gegenübers kennen. Das heißt aber nicht, was einem „China-Versteher“ gleich unterstellt wird, dass man sich mit dieser Position gemein macht. „Nur wenn wir nachvollziehen können, welche Sichtweisen und Motive in China handlungsleitend sind, können wir eigene, realistische, vorausschauende und widerstandsfähige Strategien entwickeln“, schreiben Thorsten Schäfer-Gümbel (Vorstandssprecher GIZ) und Martin Hansen (Regionaldirektor GIZ Ostasien) im Vorwort zu der Studie, die im vollen Wortlaut lautet: „Chinesische Perspektiven auf Deutschland – Wahrnehmungen, Bewertungen und Erwartungen zu den deutsch-chinesischen Beziehungen“.

Für diese Studie wurden im Sommer 2025 – zwischen Mai und Juni – 45 Chinesen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Zivilgesellschaft und Medien befragt. Bis auf drei werden alle namentlich genannt. Alle Interviewten hatten vielfältige Beziehungen zu Deutschland. Aber – das muss einschränkend erwähnt werden – werden hier Meinungen einer urbanen Elite wiedergegeben.

Die Befragten unterstellen den Deutschen ein einseitiges, vorurteilsbehaftetes China-Bild.  Es sei häufig auf negative Aspekte wie Menschenrechte oder Überwachung reduziert. Armutsbekämpfung, kulturelle Vielfalt und alltägliche Lebensrealitäten würden häufig ausgeblendet. Ihr chinesisches Selbstbild unterscheide sich davon deutlich. Sie sehen sich als Teil einer friedliebenden, traditionsbewussten Kultur, die von Harmonie, Stabilität und Fürsorge geprägt sei. Einen weltpolitischen Machtanspruch Chinas, der im Westen oft unterstellt wird, verneinen sie. Priorität habe das Streben nach Wohlstand im Innern.

Deutschland genießt nach wie vor ein hohes Ansehen, wird aber zunehmend kritisch betrachtet. In zukunftsrelevanten Feldern wie KI, Halbleitern, Elektromobilität und Digitalisierung sei Deutschland rückständig. Die Umsetzungsprozesse seien langsam und die Risikobereitschaft gering. Es wird ein Verlust an Verlässlichkeit moniert und eine moralisch aufgeladene Außenpolitik kritisiert. In den letzten Jahren habe eine zunehmende Entfremdung zwischen beiden Ländern stattgefunden.  

Die Folge seien blockierte Projekte und das Wegbrechen von Austauschformaten, vor allem im kulturellen Bereich. Dabei sei gerade der Kulturaustausch eine zentrale Brücke für Vertrauen und Verständigung. Auch Forschungspartnerschaften hätten es immer schwerer, weil sie sicherheitspolitisch motivierten Einschränkungen unterlägen.

In ihrem Resümee stellen die Autoren bei den Befragten eine „tiefe Enttäuschung über die wahrgenommene Abwendung von China“ fest. Sie fühlen sich durch eine als ungerecht, falsch und unfair wahrgenommene Berichterstattung über China verletzt.   Trotzdem bestehe aber nach wie vor große Offenheit, über gemeinsame Interessen nachzudenken, und der Wunsch nach einer Zunahme an echten Begegnungen. Aber: „Mit Überheblichkeitsgefühlen, moralischen Belehrungen und Besserwisserei wird man in China nach Einschätzung der Interviewten nicht weiterkommen.“  

Info:

Hier kann man den 98seitigen Studienbericht der GIZ herunterladen:

https://giz.de/sites/default/files/media/els-document/2025-11/studienbericht-chinesische-perspektiven-auf-deutschland.pdf

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