Wenn jemand nur ein Buch mit China-Bezug in seinem Bücherregal stehen hat, dann ist es mit großer Wahrscheinlichkeit dieses Buch: „Wilde Schwäne“ von Jung Chang. Es wurde weltweit 13 Millionen Mal verkauft und in 37 Sprachen übersetzt. Die Autorin Jung Chang beschreibt darin das China in den ersten knapp acht Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts anhand der Geschichte ihrer Familie. Das Buch endet mit dem Jahr 1978. Damals kam die 26jährige Chang als eine der ersten Stipendiatinnen der chinesischen Regierung nach England. Jetzt hat sie quasi eine Fortsetzung der Familiensaga geschrieben: „Fly, Wild Swans: My Mother, Myself and China“.
Für die angesehene freiberufliche Journalistin Lijia Zhang, die in London und Beijing lebt, war das Anlass, sich mit der Autorin Jing Chang zu treffen, um über sie ein Porträt zu schreiben, das soeben in China Books Review erschienen ist: „A Grande Dame of China Writing“. Die beiden Frauen trafen sich in einem Restaurant im Londoner Stadtteil Notting Hill, wo Jing Chang wohnt. Mehrere Stunden unterhielten sich die beiden. „In elegantem Englisch mit leichtem chinesischem Akzent“, beantwortete Chang die Fragen der Journalistin.
Jung Chang wuchs in Yilin in der Provinz Sichuan auf. Sie war relativ privilegiert, weil ihr Vater stellvertretender Leiter der Propagandaabteilung der Provinzregierung war. Außerdem war er ein Literatur-Liebhaber, der seine vier Kinder ermutigte zu lesen und zu lernen. Die kleine Jung las ausländische Kinderbücher, die ins Chinesische übersetzt waren, darunter unter anderem Christian Andersens „Das kleine Mädchen mit den Streichhölzern“, das sie tief beeindruckte. Ihr Vater brachte sie auch in jungen Jahren mit Schriftstellern in Kontakt. Doch mit alledem war es vorbei, als 1966 die Kulturrevolution ausbrach.
Sie musste miterleben, wie die Bibliothek ihres Vaters in der eigenen Küche verbrannt wurde und sie ihren Vater zum ersten Mal weinen sah. Sie wurde in ein Dorf am Fuße des Himalaya verbannt, wo sie als sogenannte Barfuß-Ärztin arbeitete. Später schuftete sie als Stahlarbeiterin und Elektrikerin. Als 1973 die ersten Universitäten wieder öffneten, war sie dabei. Sie studierte an der Sichuan Universität Englisch. 1978 schickte sie dann die chinesische Regierung zum Studium nach England. Danach sollte sie zurückkommen, aber sie blieb und promovierte an der University of York als erste Chinesin der Volksrepublik. In England lernte sie den irischen Historiker Jon Halliday kennen, mit dem sie 1986 ein erstes Buch veröffentlichte: „Madame Sun Yat-sen“.
1988 kam ihre Mutter, eine stramme Kommunistin, nach England und besuchte sie. Sie erzählte sehr viel, auch von ihrer eigenen Mutter, also Changs Oma. Irgendwann beschloss Chang, die Gespräche aufzunehmen. Am Schluss hatte sie Aufnahmen von über 60 Stunden. Und als die Mutter fort war, sagte sie zu sich selbst: “ I‘ve got to write this down.” Gesagt – getan: Zusammen mit Halliday, inzwischen ihr Ehemann, schrieb sie „Wild Swans: the Daughters of China“, das 1991 bei Simon & Schuster erschien und ein Welterfolg wurde. Das Buch erschien zur richtigen Zeit: „Just as the world was becoming interested in China“, schreibt Lijia Zhang. Und weiter: „Few books about China have had the same impact. It encouraged tourists to flock to the country, and inspired some to study Chinese.” Durch den Erfolg konnte Chang ihren Job an der SOAS in London quittieren und fortan als Schriftstellerin arbeiten.
Kurz danach machte sie sich zusammen mit ihrem Mann an ein Mammutwerk – eine Biographie über Mao Zedong. Zwölf Jahre lang arbeiteten und recherchierten sie. Dann erschien 2005 das beinahe 1000-Seiten-Buch „Mao: The Unknown Story“. Mao wurde darin als Monster auf die gleiche Ebene wie Hitler und Stalin gestellt. Das Buch wurde vor allem in der akademischen Welt kritisch aufgenommen. Steve Tsang schrieb in The China Journal: „The authors make numerous flawed assertive. They misread sources, use them selectively.” Gleichwohl wurde auch dieses Werk ein großer Erfolg und in über 30 Sprachen übersetzt.
Es folgten noch zwei weitere Bücher. Eines über die letzte chinesische Kaiserin „Empress Dowager Cixi – The Concubine Who Launched Modern China“ (2013). Darin bezeichnet sie die Kaiserin als Proto-Feministin und Modernisiererin – eine Einschätzung, die nicht viele teilen. Danach folgte noch ein Porträt der drei Soong-Schwestern: „Big Sister, Little Sister, Red Sister: Three Women at the Heart of Twentieth-Century China.“
Und nun ganz aktuell die Fortsetzungsgeschichte der „Wilden Schwäne.“ Noch gibt es sie aber nicht in Deutsch. Changs Bücher sind übrigens in China auf dem Index. Sie selbst darf zwar in ihr Geburtsland einreisen, aber wagt es trotzdem nicht: „The question is not whether I am allowed to gut but rather whether I am allowed to get out. China has become hostile to the West. So I am in no hurry to return.”
- Info:
- Hier das Porträt von Lijia Zhang in China Books Review: https://chinabooksreview.com/2025/12/04/jung-chang/