ESSEN I Essen Chinesen wirklich alles?

Über China gibt es viele Vorurteile. Ein sehr beliebtes betrifft die Essgewohnheiten der Chinesen. Sie würden nahezu alles essen, wird gerne mit einem Hauch von Ekel behauptet: Hunde, Katzen, Schlangen, Ratten und weitere exotische Tiere. Häufig wird diese Aussage mit einem netten Flachs garniert: Sie würden alles essen, was vier Beine hat – außer Tischen und Stühlen, alles, was fliegt – außer Flugzeugen, und alles, was schwimmt – außer Schiffen. Tatsache ist, dass vor allem im Süden des Landes die oben genannten Tiere teilweise immer noch gegessen werden, aber die Chinesen in den anderen Landesteilen sich ebenso vor dem Verzehr dieser Tiere ekeln wie die Europäer. Verallgemeinerungen sind deshalb nicht angebracht. Für Zhou Hongcheng, Professorin für Esskultur am Tourism College of Zhejiang, ist die Behauptung des allesfressenden Chinesen eine „misconception“. In einem Artikel für Sixth Tone plädiert sie für eine andere Betrachtung der chinesischen Esskultur: „Chinese culinary culture is better described as ‘making the best use of everything’.” Diese Kultur habe sich aus Chinas langer Geschichte des Hungers entwickelt. Hunger sei in China über Jahrhunderte die Norm gewesen. Gründe seien die große Bevölkerung, häufige Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, und die vielen Kriege gewesen. Durch die vielen Hungersnöte hätten die Chinesen „an aversion developed to wasting anything edible“. Egal, ob pflanzliche oder tierische Kost – die Chinesen lernten im Laufe der Zeit, möglichst alles zu verwerten. Ein wichtiges Buch ist „Jiuhuang Bencao“ (救荒本草), das 1406 erschienen ist und von dem Ming-Prinzen Zhu Shu erstellt wurde. Dort werden nicht weniger als 414 essbare wilde Pflanzen aufgelistet, die man in Notfällen – also bei einer Hungersnot – essen kann. Darunter waren auch bitter schmeckende und leicht giftige Pflanzen, die man nur lange kochen musste, damit diese Eigenschaften unschädlich würden. Im Laufe der Jahrhunderte wurde diese Liste immer wieder überarbeitet. Auch bei der Verarbeitung von Tieren sind die Chinesen sehr darauf aus, nichts zu verschwenden. Während im Westen zum Beispiel vom Huhn nur die besten Stücke wie Brust oder Schlegel verspeist werden, essen die Chinesen fast alles – von Herz über Leber und Füßen bis hin zum Blut. Deshalb verlassen fast täglich viele Eisenbahnwaggons mit tiefgekühlten Innereien und Hühnerfüßen Europa Richtung China.

Fazit der Autorin: „In my opinion, the approach of “making the best use of everything” when it comes to food that is common in China should not only not be ridiculed but also be promoted all over the world. At a time when the world is facing increasing food crises and health challenges, China’s culinary culture provides clear guidance for eating healthily and sustainably.”

Info:

Hier der Artikel von Zhou Hongcheng in Sixth Tone: https://www.sixthtone.com/news/1017911

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