DISKUSSION I „Reverse Deng“ – Europa diskutiert den Joint-Venture-Zwang

In den ersten Jahrzehnten der Reform- und Öffnungspolitik setzte China auf Gemeinschaftsunternehmen, auf sogenannte Joint-Ventures. Der Gedanke war so simpel wie erfolgreich: Ihr westliche Unternehmen bringt das technologische Know-how, wir bieten euch einen großen Markt. Diesen Joint-Venture-Zwang gab es lange, vor allem in der Autoindustrie. Jetzt hat ihn China nicht mehr nötig, weil es selbst bei vielen Technologien führend ist. Jetzt hinkt Europa hinterher. Warum also China nicht mit seinen eigenen Mitteln schlagen, und chinesischen Firmen, die nach Europa wollen, in Joint-Ventures zwängen?

Diese Frage wird derzeit in akademischen, aber auch zunehmend in politischen Kreisen diskutiert. Das Stichwort heißt „Reverse Deng“. Deng Xiaoping war der große Architekt der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik. Unter seiner Führung wurde Ende der 70er Jahre das Joint-Venture-Gesetz erlassen. Danach mussten sich ausländische Firmen mit einem chinesischen Unternehmen zusammentun, wobei der chinesische Partner stets die Mehrheit hielt– auch wenn es häufig nur 51 Prozent waren. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte wurde der Joint-Venture-Zwang nach und nach gelockert. Bereits gegen Ende der 90er Jahre durften in gewissen Branchen ausländische Firmen 100prozentige Töchter gründen, die sogenannten Wholly Foreign-Owned Enterprises (WFOE. 2019 fiel dann auch in der Autobranche der Joint-Venture-Zwang.

Während also in China das Joint-Venture zunehmend an Relevanz verliert, wird es in Europa immer aktueller. Soeben schrieb  Xie Yanmei, Wirtschaftsexpertin beim Merics, einen Kommentar mit dem Titel „Reverse Deng?“, in dem sie die Möglichkeit eines Joint-Venture-Zwangs für chinesische Firmen in China diskutiert. Xie ist bei weitem nicht die erste, die sich mit dieser Idee auseinandersetzt. Schon der ehemalige Merics-Chef Sebastian Heilmann (Uni Trier) und Michael Kaschke (Präsident des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft) stellten in ihrem Aufsatz „Made in China“ (Internationale Politik, Mai/Juni 2024) fest, dass Deutschland und Europa „unbedingt chinesische Technologien, Forschungsbeiträge und Patente in zentralen Feldern“ brauchen. Zu diesen Feldern zählen sie die „Energie- und Klimatechnologien – von Fotovoltaik, über Windkraft bis hin zu Stromspeichern.“ Zwar würden sich chinesische Unternehmen dieser Branchen in der EU ansiedeln. Aber das reiche nicht, schreiben die Autoren und fordern: „Stattdessen sollte Europa von der jahrzehntelangen chinesischen Joint-Venture-Praxis lernen, den Zugang zum europäischen Markt unter der Bedingung erleichtern, dass chinesische Unternehmen bereit sind, ein Joint Venture mit europäischer Mehrheitskontrolle einzugehen.“ Kurze Zeit später erschien am 13. Juni 2024 bei Project Syndicate ein Artikel von Dalia Marin, Professorin für Internationale Wirtschaft an der TU München, mit dem Titel „Europe Needs Chinese Investment“. Darin schlug sie im Prinzip das Gleiche vor wie Heilmann und Kaschke. Aber sie will den europäischen Joint-Venture-Zwang auch auf die Autobranche ausdehnen: „The EU should reverse engineer China’s industrial policy and require Chinese EV manufacturers to establish joint ventured with domestic c0mpanies in exchange for market access.”

Auch die Experten des französischen Thinktanks Institut Montaigne propagieren die Joint-Venture-Idee. François Godement schrieb im März 2025 einen Artikel mit dem Titel: „Can Europe Do a ‘Reverse Deng’ with China?“, wo er zu dem Schluss kam: A reverse Deng deal between China and the European Union may be the worst of prospects, except any other course.” Nun legten die Kollegen vom Institut Montaigne mit einem konkreten Vorschlag nach. In ihrem soeben veröffentlichten Artikel „Europe-China: A New Joint Venture Strategy for Cleantech” fordern sie die EU auf, 2026 ein Gesetz zu verabschieden, „explicitly requiring EU-majority ownership for strategic sectors such as batteries, solar PV, wind components, and electrolysers above defined size thresholds.“ Wenn also zum Beispiel ein chinesischer Batteriehersteller hier in Europa eine Fabrik bauen will, muss er sich mit einer Minderheitenrolle begnügen. Die Mehrheit soll in europäischem Besitz sein.

Nach allem, was man aus Brüssel hört, ist die EU-Kommission nicht abgeneigt, diese akademischen Gedankenspiele in konkrete Politik umzusetzen.

Info:

Kommentar von Xie Yanmei (Merics): https://merics.org/de/kommentar/reverse-deng-professionals-only

Hier der Artikel von François Godement (Institut Montaigne): https://www.institutmontaigne.org/en/expressions/can-europe-do-reverse-deng-china

Und hier der aktuelle Artikel des Institut Montaigne:

https://www.institutmontaigne.org/en/publications/europe-china-new-joint-venture-strategy-cleantech

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