Es waren hektische und ereignisreiche Wochen, die sich im Frühsommer 1989 in Beijing abspielten. Tausende Studenten bevölkerten den Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen), der zu einer Zeltstadt wurde. Die Protestierenden forderten politische Freiheiten. Die Führung des Landes stand vor der Frage, wie mit diesen Demonstranten umgehen. Wenige aus der Führungsriege – wie zum Beispiel der damalige KP-Generalsekretär Zhao Ziyang – versuchten mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen. Aber die Mehrheit sprach sich für eine harte Linie aus. Am 17. Mai beschloss die Zentrale Militär Kommission – an der Spitze Deng Xiaoping und sein Stellvertreter Yang Shangkun – das Militär anrücken zu lassen. Es erging der Befehl an einige Einheiten in und um Beijing, entsprechende Vorbereitungen zu treffen. Darunter war auch die 38. Armee. Sie war so etwas wie eine Eliteeinheit, wurde deshalb auch „Imperial Guard“ genannt. An ihrer Spitze stand General Xu Qinxian. Doch dieser weigerte sich. Er schieße nicht auf Landsleute, sagte er. Und zudem forderte er für diese Entscheidung eine politische Legitimation durch staatliche Organe. Xu wurde sofort abgesetzt, festgenommen und später wurde ihm der Prozess gemacht. Dieser fand am 17. März 1990 vor einem Militärgericht statt. Dort wurde er zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er den „politischen Ruf der Armee schwer beschädigt“ habe. Die Strafe saß er im Qincheng Gefängnis ab. Danach lebte er in Shijiazhuang, der Hauptstadt von Hebei, der südlichen Nachbarprovinz von Beijing. Am 8. Januar 2021 starb dort Xu im Alter von 86 Jahren.
Aber nun rückt Xu plötzlich wieder in das politische Rampenlicht. Denn ein Video von seiner Gerichtsverhandlung tauchte überraschend auf. Am 25. November wurde das Video von dem Researcher Wu Renhua (der auch Augenzeuge des Tiananmen-Massakers war) im Internet erstmals auf X hochgeladen. Wu, der natürlich nicht sagte, woher er dieses bislang geheim gehaltene Video hatte, bezeichnete es als „the most important material“, das er in seiner über 30jährigen Forschungszeit über Tiananmen bekommen habe. Die chinesischen Behörden sahen es verständlicherweise etwas anders und versuchten sofort, das Video zu entfernen. Die NGO „Human Rights in China“ hatte es aber längst auf Youtube gestellt, sodass die Verhandlung inzwischen weltweit zu sehen ist. Exakt sechs Stunden, drei Minuten und 44 Sekunden ist das Video lang. Es zeigt einen ruhigen sachlichen Xu bei seinem Verhör. Xu rechtfertigte nochmals sein Vorgehen: „With weapons in hand, I could not give that order. The CMC can appoint or remove me, but this command I could not accept or execute. The leadership need to find someone else.”
Viele Beobachter fragen sich, warum dieses Video gerade jetzt an die Öffentlichkeit gelangte. Will da jemand eine Botschaft transportieren? Hat das etwas mit den ewigen Gerüchten um eine militärische Übernahme von Taiwan zu tun, bei der ja die
chinesische Armee notfalls auf Landsleute – als solche werden ja die Taiwanesen von der Volksrepublik bezeichnet – schießen müsste? Soll damit der Führung signalisiert werden, dass es auch heute noch in der Armee Leute gibt, die ähnlich ticken wie Xu Qinxian? Fragen über Fragen, die Chinas Führung natürlich nicht beantwortet. Ihre einzige erwartbare Reaktion auf die Veröffentlichung des Videos war, dass sie den Direktor und den Stellvertreter der National Administration of State Secrets Protection einen Tag nach der Veröffentlichung entlassen haben.
Info:
Hier das Transkript des Verhörs (in Englisch): https://www.jenniferzengblog.com/home/2025/12/4/leaked-top-secret-pla-court-martial-gen-xu-qinxian-tried-for-refusing-tiananmen-crackdown-full-verbatim-transcriptpart-1
Video, Teil 1 (mit englischen Untertiteln): https://www.youtube.com/watch?v=tktgm-cjje0
Video, Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=4AfuCf_fWhk
Hier in voller Länge (in Chinesisch): https://www.youtube.com/watch?v=iJVpFuC9o1E