POLITIK I Chinas Klimaziele

Ma Jun (52) gilt als Chinas bekanntester Umweltschützer. Seit über 20 Jahren ist der Gründer des Institute of Public and Environmental Affairs in Beijing das ökologische Gewissen des Landes. Seine Worte haben Gewicht. Kürzlich sagte er: “Das war ein Wendepunkt.“ Ein sehr klares politisches Signal sei es gewesen. Die ganze Atmosphäre habe sich dadurch verändert. Ma Jun bezieht sich auf den 22. September 2020.  Damals hat Xi Jinping vor der UN-Vollversammlung eine historische Rede gehalten. Aus heiterem Himmel (oder gab es an diesem Tag Smog?) verkündete er per Video überraschend zwei Ziele: erstens, China wolle bis 2030 den Gipfel an CO2-Emissionen erreicht haben und diese dann senken; zweitens, bis 2060 wolle China Carbon-Neutralität erreichen. Staunen und Zweifeln folgten auf die Rede. Staunen, weil sich China zum ersten Mal so konkret coram publico festgelegt hat. Zweifel im Westen, ob Xi das ernst gemeint hat und ob er diese ambitiösen Ziele erreichen kann. In zwei weiteren Reden legte Xi nach und konkretisierte die Ziele. Beim Climate Ambition Summit im Dezember kündigte er an, dass China bis 2030 die Karbon-Intensität um 65 Prozent reduzieren und bis 2025 den Anteil der nicht-fossilen Brennstoffe am Energiemix auf 25 Prozent erhöhen will. Und soeben versprach er bei Joe Bidens Earth Day Summit: „China will strictly control coal-fired power generation projects, and strictly limit the increase in coal consumption over the 14th Five-Year Plan (2021-25) and phase it down in the 15th Five -Year-Plan.“ Die Kohle ist Chinas größtes Problem. Ihr Anteil an der Energieerzeugung betrug 2020 knapp 57 Prozent. Dieser Anteil ist zwar in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken, aber im Vergleich zu anderen Industrienationen viel zu hoch. In Deutschland betrug der Kohlenanteil 2020 rund 24 Prozent.  Die alles entscheidende Frage ist also: Wie kommt China von diesem hohen Kohleberg herunter? Durch mehr Sonne- und Windenergie, aber auch durch mehr Kernkraft. Derzeit sind 48 AKWs in Betrieb, 17 im Bau. Dabei setzt China zunehmend auf eigene Technologie. Anfang des Jahres ging in Fuqing (Provinz Fujian) der erste Reaktor des Typs Hualong One in Betrieb, entwickelt von China National Nuclear Corporation (CNNC). Deren Chairman Yu Jianfeng sagt, dass der Anteil des Atomstroms am Energiemix auf bis zu 20 Prozent steigen könne. Der Anteil von Sonne und Wind liegt derzeit bei etwas mehr als 15 Prozent. Er soll bis bis 2030 auf 25 Prozent steigen. Trotz dieser Anstrengungen bei Kernkraft, Sonne und Wind wird aber die Kohle noch lange Zeit in China eine wichtige Rolle spielen. Die Regierung muss weitere Kohleminen schließen. Das birgt die Gefahr von sozialen Spannungen, zumal die Kohlereviere in strukturschwachen Provinzen liegen. Der von Xi angekündigte Weg zur Carbon-Neutralität wird ein schwieriger Balanceakt werden – und ein teurer. Nach Berechnungen von Professor He Jiankun, einem Regierungsberater in Sachen Klimaschutz, muss China rund 100 Billionen Yuan investieren, um das 2060er Ziel zu erreichen. Das sind 15 Billionen oder 15 000 Milliarden Dollar.

Info:

Hier sind die drei Reden von Xi Jinping im Wortlaut. Rede vor der UN-Vollversammlung (22. September 2020): https://www.fmprc.gov.cn/mfa_eng/zxxx_662805/t1817098.shtml; Rede auf dem Climate Ambition Summit 2020 (12. Dezember 2020): https://www.chinadaily.com.cn/a/202012/13/WS5fd575a2a31024ad0ba9b7ac.html, Rede beim Earth Day Summit (22. April 2021): http://www.xinhuanet.com/english/2021-04/22/c_139899289.htm?mc_cid=5d57c44bee&mc_eid=7fdb236ffa

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