Warum heute noch Sinologie studieren? Auf der Suche nach Antworten bei einer Einführungsveranstaltung für Studienanfänger an der Universität Tübingen.
Am 12. Oktober begann in vielen deutschen Universitäten das Wintersemester 2026/27. So auch an der über 500 Jahre alten ehrwürdigen Universität Tübingen. Mit den Studenten kam wieder Leben in die schwäbische Universitätsstadt. Auf der Wilhelmstraße strömten Studierende in Hörsäle und Seminarräume. Ganz am Ende der Straße, in der Wilhelmstraße Nummer 133, ging es etwas gemächlicher zu. Dort hat in einem eher – um es vorsichtig auszudrücken – schmucklosen Gebäude das Institut für Sinologie sein Domizil. Ein Raum auf der ersten Etage war morgens um 10 Uhr ziemlich voll. Man traf sich zur Einführungsveranstaltung für die neuen Sinologie-Studierenden. Es hatten sich das Lehrpersonal, die älteren Semester und 22 Studienanfängerinnen und Studienanfänger versammelt. Studienanfänger sagt hier keiner. Hier werden sie Erstis genannt.
22 Erstis also, die in Tübingen in diesem Semester Sinologie studieren wollen. „Ist das viel?“, frage ich den wissenschaftlichen Mitarbeiter Ulrich Theobald, der für die Organisation des Studiums zuständig ist. „Es stabilisiert sich auf diesem Niveau“, antwortet er. Klar, vor zehn Jahren hatten sie 30 bis 40 Erstsemester. Doch diese Zeiten sind vorbei – nicht nur in Tübingen. Die deutsche Sinologie leiden unter dem schlechten Image Chinas, das auf viele Studierende abschreckend wirkt. Das ist paradox: Alle rufen nach mehr China-Kompetenz, doch an den Unis geht die Zahl der Studierenden zurück oder stagniert bestenfalls – wie in Tübingen.
In der Veranstaltung merkt man wenig von der weit verbreiteten China-Skepsis, die draußen in der Öffentlichkeit und in den Medien herrscht. Die älteren Semester machen den jüngeren Mut, sie berichten von ihren Auslandssemestern an der Beida in Beijing und der Summer School in Taiwan. Es wird viel gelacht.
Vorne in der ersten Reihe sitzen drei Ersti-Frauen: Anika (20), Charlie (19) und Catalina (17). Sie haben sich fürs Hauptfach Sinologie entschieden. Anika war mit ihren Eltern öfters in Asien unterwegs und sie entschied für sich: „Ich muss diese Sprache lernen.“ Ihre Mutter war etwas skeptisch, fürchtete, dass die Tochter mit dem Studium nicht so viel anfangen könne. Deshalb hat Anika BWL als Nebenfach dazu genommen. Charlie ist Halbchinesin. Sie kann Chinesisch und will es vertiefen, hat aber als Nebenfach noch Jura gewählt. Die junge Catalina wollte erst ein Jahr gar nichts manchen, hat sich dann aber ein paar Tage nach dem Abitur gesagt: Warum nicht Chinesisch? Sie interessiert sich für Asien, kocht gerne asiatisch. Auch Japanisch war in der engeren Wahl, aber Chinesisch sei nun mal weiterverbreitet, sagt sie. Mit der Familie war sie in diesem Sommer zum ersten Mal in China:. „Wir waren alle sehr begeistert“. Aber auch sie hat mit VWL noch ein Nebenfach gewählt.
Drei Stimmen, die sicher nicht repräsentativ sind, aber zeigen, dass für junge Menschen China durchaus seinen Reiz haben kann.