CHINA ABSEITS I Chinas Goldene Woche: Weniger Geld, mehr Erlebnis? / Von Nan Haifen

1999 führte China erstmals die sogenannte 国庆黄金周 – die „Goldene Woche“ zum Nationalfeiertag – ein. Der Staat gönnte den hart arbeitenden Chinesen mehrere freie Tage am Stück. Gleichzeitig sollte die Maßnahme den Tourismus und den Binnenkonsum ankurbeln. Seitdem gelten die Reise- und Konsumdaten dieser Ferienwoche als wichtiger Indikator für die wirtschaftliche Lage und die gesellschaftliche Stimmung in China.

In diesem Jahr war die Ferienzeit besonders lang. Vor den eigentlichen Nationalfeiertagen lag noch ein verlängertes Wochenende rund um das Mitherbstfest. Schon lange vorher kursierte ein verlockender Werbeslogan: „Nimm drei Urlaubstage und genieße 13 Tage Ferien am Stück!“ Einige Städte, darunter Hangzhou, legten sogar die neu eingeführten Herbstferien für Schulkinder pragmatisch auf diese drei Brückentage, um Familien die Reiseplanung zu erleichtern.

Als wir vor 13 Jahren mit unserem kleinen Sohn in Peking lebten, vermieden wir es grundsätzlich, während der Nationalfeiertage zu verreisen. Überall war es einfach zu voll. In China gibt es dafür einen schönen Ausdruck: 人山人海 (rén shān rén hǎi) – wörtlich „Menschenberge und Menschenmeere“. Die Chinesen übersetzen ihn gerne scherzhaft ins Chinglish: „People mountain, people sea.“

Vor Corona waren die Nationalfeiertage auch die Zeit, in der wohlhabende chinesische Mittelschichtfamilien nach Südostasien, Japan, Korea und Europa strömten. Wer nach Europa reiste, war häufig mit einer organisierten Reisegruppe unterwegs: sechs Tage, acht oder zehn Länder. Die weltberühmten Sehenswürdigkeiten – Schloss Neuschwanstein, Eiffelturm und vieles mehr – wurden vor allem durch die Kamera betrachtet. Ein paar Alibifotos, und schon ging es weiter. Zwischendurch durfte ein Stopp in einem Luxusgeschäft oder Outlet natürlich nicht fehlen.

Dann drückte Corona die Stopptaste.

Als die Chinesen Anfang 2023 wieder ins Ausland reisen durften, hatten sich die Welt und ihre Geldbeutel verändert. Die Reiselust war zwar geblieben, doch die Menschen waren deutlich preissensibler geworden. Und damit änderte sich auch vieles rund ums Reisen.

Statt Fernreisen nach Europa bevorzugten viele Familien nun Inlandsreisen zu weniger bekannten Orten. Wer trotzdem ins Ausland wollte, entschied sich häufiger für nahe gelegene Länder wie Japan, Südkorea oder Thailand – Reiseziele, die von vielen chinesischen Städten aus innerhalb weniger Flugstunden erreichbar sind und bei denen die Gesamtkosten deutlich niedriger liegen als bei einer Europareise.

Diese Trends setzten sich auch in diesem Jahr fort. Doch einige Entwicklungen deuten auf einen tieferen gesellschaftlichen Wandel hin.

Tiefer ins Land

China ist ungefähr so groß wie Europa. Auf seinen rund 9,6 Millionen Quadratkilometern gibt es unzählige bekannte und unbekannte Ecken. Die klassischen Sehenswürdigkeiten – die Große Mauer, die Terrakotta-Armee, berühmte Berge oder historische Gärten – sind während der Feiertage immer noch überfüllt.

Deshalb suchen immer mehr Chinesen nach sogenannten 小众 (xiǎozhòng), also Nischenreisezielen. Diese liegen oft abseits der bekannten Touristenrouten, versteckt in kleineren Städten und Landkreisen, die touristisch noch wenig erschlossen sind. Dort hofft man auf ursprüngliche Landschaften, Ruhe und ein bisschen Abstand von den Menschenmassen.

Ich selbst bin in diesem Jahr mit meinem Sohn an einen solchen Nischenort namens Xiapu gereist.

Ganz ehrlich: Als meine beste Schulfreundin mich Mitte September fragte, ob ich während der Feiertage mit nach Xiapu fahren möchte, musste ich erst einmal googeln, wo dieser Ort überhaupt liegt. Auf den Fotos, die sie mir über WeChat geschickt hatte – Strände, Berge und spektakuläre Sonnenaufgänge –, sah alles eher nach Thailand oder Vietnam aus.

Umso überraschter war ich, als ich feststellte, dass Xiapu ein Landkreis in der Provinz Fujian ist, gar nicht weit von meiner Heimatstadt Wenzhou entfernt.

Nach einer kurzen Recherche wurde mir klar: Vor Corona war Xiapu vor allem in Fotografenkreisen bekannt. Einige Fotografen hatten die besondere Küstenlandschaft mit ihren Fischerdörfern, Wattflächen und Sonnenaufgängen entdeckt. Als nach Corona Millionen Chinesen nach neuen Reisezielen im eigenen Land suchten, wurden plötzlich solche früher kaum bekannten Orte populär.

Daraus entstand in den vergangenen Jahren ein fast schon komisches Phänomen: Man entscheidet sich bewusst für einen Geheimtipp, um den Menschenmassen zu entkommen – und steht auf halber Strecke im Stau, weil offenbar alle anderen denselben Geheimtipp auf Xiaohongshu oder Douyin entdeckt haben.

Genau das passierte auch unserer Reisegruppe nach Xiapu.

Meine Freundin fuhr am 1. Oktober mit 25 Kollegen und Freunden los, verteilt auf sechs Autos und sechs Motorräder. Für eine Strecke, die normalerweise zwei Stunden dauert, brauchten sie sechs Stunden.

Die Provinz Fujian an der Taiwanstraße gehörte in diesem Jahr offenbar zu den besonders gefragten Reisezielen. Mit ihren Stränden, Bergen, historischen Städten wie Xiamen und Quanzhou sowie einer vergleichsweise preiswerten Küche mit frischen Meeresfrüchten und tropischen Früchten zog sie zahlreiche Touristen an.

Ein Fischerdorf verwandelt sich in einen Ferienort

Als ich zwei Wochen vor der Reise nach Schnellzugtickets für den 30. September suchte, waren nur noch drei Plätze in der Business Class verfügbar. Für den 1. Oktober gab es überhaupt keine Tickets mehr. Also hatte ich meinen Sohn für den letzten Schulnachmittag vor den Ferien entschuldigt, was ohne Rückfrage genehmigt wurde.

Als ich ihn mit einem etwas schlechten Gewissen von der Schule abholte, stellte ich fest, dass offenbar nicht wenige andere Eltern dieselbe Idee gehabt hatten. Vor der Schule warteten zahlreiche Autos, um die Kinder früher abzuholen.

Die drei verbliebenen Business-Class-Tickets hatte ich natürlich sofort für mich, meinen Sohn und meine Mutter ergattert.

Ein Ticket kostete umgerechnet rund 160 Euro, inklusive Abendessen. Für die 761 Kilometer lange Strecke mit viereinhalb Stunden Fahrzeit ist das nach chinesischen Verhältnissen nicht gerade billig. Aber es war immer noch günstiger als ein Flug – und vor allem bequemer, denn der Schnellzug brachte uns direkt nach Xiapu.

Vom Bahnhof aus brauchten wir noch etwa 40 Minuten mit dem Taxi zu unserer Unterkunft, einem Ferienhaus in einem kleinen Fischerdorf, dessen Namen ich inzwischen wieder vergessen habe.

Als wir gegen 22 Uhr dort ankamen, war das Dorf noch voller Leben. Die ersten Urlauber waren bereits eingetroffen, die einfachen Restaurants und Straßenstände gut besucht. Die Atmosphäre erinnerte mich ein wenig an die touristischen Ecken Mallorcas im Hochsommer.

Unser Ferienhaus schien gerade erst fertig geworden zu sein. Der Vorplatz war noch eine Baustelle, aber drinnen war alles sauber und ordentlich eingerichtet, fast wie in einem normalen Hotel.

Als ich am nächsten Tag durch das Dorf bummelte, fiel mir auf, wie neu viele Häuser entlang der beiden Hauptstraßen aussahen. Fast überall wurden Zimmer an Touristen vermietet, zu Preisen zwischen 20 und 125 Euro pro Nacht, je nach Lage, Ausstattung und Aussicht.

Auf der Suche nach einem guten Kaffee entdeckten wir sogar ein kleines, fünfstöckiges Boutiquehotel direkt am Strand, mit Pool, großzügiger überdachter Holzterrasse und Garten.

Der Hotelbetreiber war ein junger Mann Mitte dreißig aus einem Nachbarbezirk. Das Hotel war von Designern aus Peking konzipiert und eingerichtet worden. Er selbst hatte die Anlage gepachtet. Seine Mutter war extra aus der Heimat angereist, um ihm während der Feiertage auszuhelfen. Dazu hatte er noch zwei Mitarbeiter.

Aus Neugier bat ich ihn, mir einige Zimmer zu zeigen. Sie waren riesig, mindestens 45 Quadratmeter groß. Das Interieur war eine überraschend gelungene Mischung aus skandinavischem Design und chinesischen Elementen. Durch die bodentiefen Fenster konnte man direkt vom Bett aus den Sonnenaufgang über dem Meer genießen.

Eine Übernachtung kostete während der Goldenen Woche umgerechnet 125 Euro inklusive Frühstück. Zwei Wochen zuvor hätte man dasselbe Zimmer für etwa 50 Euro buchen können.

Auch am Strand hatte sich offenbar eine kleine Tourismuswirtschaft entwickelt. Auf dem Wasser gab es pinke Tretboote, die wie Ferraris aussahen, für 20 Euro pro Stunde und Wassermotorräder für kurze Spritztouren. Kleine Verkaufsstände boten Schaufeln, Snacks, Früchte und Nudelgerichte an.

Man konnte dort viel Geld ausgeben und Spaß haben. Oder einfach gar nichts ausgeben. Die Kinder waren auch glücklich, wenn sie am Strand Krebse fingen.

Solche Orte wie Xiapu gibt es in China viele. Zahlreiche Landkreise und kleinere Städte haben sich in den Jahren nach Corona zu neuen Reisezielen entwickelt. Möglich macht das auch das immer dichtere Netz aus Hochgeschwindigkeitszügen und Autobahnen. Orte, die früher nur mit großem Aufwand erreichbar waren, sind heute für Millionen Menschen leicht zugänglich.

Aber ich glaube, dahinter steckt mehr als nur eine bessere Infrastruktur.

Nach Corona haben viele chinesische Familien auch den Sinn des Reisens neu definiert. Früher ging es oft darum, berühmte Sehenswürdigkeiten einmal gesehen zu haben. Heute wollen viele ihre knappe Freizeit lieber mit Familie und Freunden genießen – möglichst entspannt, möglichst individuell und ohne das Gefühl, ständig etwas abhaken zu müssen.

Nicht nur Sehenswürdigkeiten, sondern Erlebnisse

Ein weiterer Trend, der sich in diesem Jahr verstärkt hat, sind Reisen rund um kulturelle und sportliche Veranstaltungen.

Ein Bekannter von mir ist in Nanjing für den Yuanboyuan zuständig, einen ehemaligen Bergbaustandort, der in eine große Freizeit- und Hotelanlage mit Häusern wie dem Westin umgewandelt wurde.

Während der Feiertage fanden dort sieben Konzerte des populären chinesischen Sängers Hua Chenyu statt. Erstaunlicherweise waren alle sieben ausverkauft. Nicht wenige Fans besuchten sogar mehrere Konzerte desselben Sängers – trotz des regnerischen Wetters.

Auch die China Open in Peking zogen große Menschenmengen an. Eine Freundin von mir war mit ihrem Mann und ihrer Tochter dort. Sie selbst spielt kein Tennis, aber ihr Mann und ihre Tochter schon. Die Familie legt großen Wert auf Bildung. Beruflich organisiert meine Freundin sogenannte 研学 (yánxué), also Bildungs- und Studienreisen. Auch privat nimmt sie ihre Tochter gerne zu kulturellen oder wissenschaftlichen Einrichtungen mit. Nach dem Besuch der China Open schrieb sie auf WeChat: „Dank meiner Tochter durfte ich dieses Fan-Erlebnis haben – ein großartiges Tennismatch einmal live zu sehen.“

Rund 450.000 Zuschauer besuchten in diesem Jahr die China Open – ein neuer Rekord. Auch wirtschaftlich profitierte die Stadt: Zusätzliche Konsumaktivitäten rund um das Turnier brachten nach Angaben der Veranstalter mehr als 180 Millionen Yuan ein, umgerechnet rund 24 Millionen Euro.

Die Chinesen entdecken die Welt neu

Nischenreiseziele und erlebnisorientiertes Reisen – diese Trends sind auch bei den Chinesen zu beobachten, die weiterhin ins Ausland reisen.

Als ich am 2. Oktober am Strand von Xiapu durch WeChat scrollte, stieß ich auf mehrere virale Videos mit dem Titel: „Die ganze Welt weiß, dass die Chinesen Feiertage haben.“

Zu sehen waren Strände in Australien, die von chinesischen Touristen überfüllt waren, Heißluftballons über Kappadokien in der Türkei und sogar Verkehrsstaus in der Arktis, die angeblich von chinesischen Urlaubern verursacht wurden.

Natürlich sind solche Videos ein bisschen übertrieben. Aber sie zeigen, wie sehr sich die Reiseziele und Interessen chinesischer Touristen verändert haben.

Für viele auslandsneugierige Chinesen ist eine Reise heute dann besonders attraktiv, wenn sie ungewöhnliche Orte und unvergessliche Erlebnisse verspricht. Eine Ballonfahrt über Kappadokien, eine Safari in Südafrika oder eine Reise entlang der Seidenstraße in Zentralasien können spannender sein als der klassische Besuch von Paris mit anschließendem Outlet-Shopping.

Flugbuchungen zu früher eher ungewöhnlichen Reisezielen für chinesische Urlauber, etwa Kapstadt, Georgien oder Usbekistan, sollen sich in dieser Ferienperiode teilweise verdoppelt bis vervierfacht haben. Die klassische Europareise verliert damit nicht unbedingt ihren Reiz, aber sie hat mehr Konkurrenz bekommen.

Während früher für viele chinesische Urlauber die organisierte Gruppenreise die erste Wahl war, interessieren sich heute offenbar immer mehr für individuelle Reiseformen. Sie mieten ein Auto, bestimmen ihre Reiseroute selbst und legen unterwegs auch mal längere Zwischenstopps ein. Sie möchten nicht nur Sehenswürdigkeiten abhaken, sondern auch das Leben und die Kultur vor Ort näher kennenlernen. Eigentlich ganz ähnlich, wie viele Europäer reisen.

Weniger Geld, mehr Erlebnis?

Nach offiziellen Angaben wurden während der diesjährigen siebentägigen Nationalfeiertage rund 826 Millionen touristische Inlandsreisen unternommen. Die durchschnittliche Zahl der Reisen pro Tag lag damit um gut sechs Prozent über dem Vorjahr.

Gleichzeitig gingen die durchschnittlichen Ausgaben pro Inlandsreise um 1,9 Prozent auf rund 894 Yuan, umgerechnet etwa 115 Euro, zurück.

Für die Makroökonomen und den Staat ist das wahrscheinlich keine gute Nachricht. Denn wenn die Ausgaben pro Reise zurückgehen, kann das auch ein Zeichen dafür sein, dass die wirtschaftliche Unsicherheit weiterhin auf den privaten Haushalten lastet.

Natürlich ist es schwer zu unterscheiden, wie viel von diesem Wandel auf eine bewusste Veränderung der Lebensweise zurückgeht und wie viel schlicht durch einen knapperen Geldbeutel erzwungen wird. Vermutlich spielt beides eine Rolle.

Aber aus gesellschaftlicher Sicht sehe ich in dieser Entwicklung auch etwas Positives.

Ich habe den Eindruck, dass die Chinesen zunehmend auf ihre individuellen Bedürfnisse achten. Selbst wenn die wirtschaftliche Unsicherheit manche Familien zum Sparen zwingt, bedeutet das nicht unbedingt, dass ihre Reisen weniger erfüllend werden.

Reisen ist nicht mehr nur eine Möglichkeit, anderen zu zeigen, was man sich leisten kann, sondern zunehmend eine Gelegenheit, herauszufinden, was einem selbst guttut.

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