WAN HUA ZHEN I Ein Streifzug durch den IPO-Prospekt von Unitree

Manche sehen in ihnen ein Symbol der chinesischen Technologievormacht. Ihretwegen reiste kürzlich sogar der Bundeskanzler persönlich an. Andere belächeln sie als „schön, aber nutzlos“ – so wörtlich C.C. Wei, seines Zeichens TSMC-Chef auf Taiwan. Ähnliche Stimmen sind auch auf dem Festland zu vernehmen. Gemeint sind die vierbeinigen Roboterhunde und vor allem die zweibeinigen Humanoiden von Unitree.

Am 20. März reichte Unitree seinen Börsenprospekt bei der Shanghai Stock Exchange ein. 2016 als Ein-Mann-Unternehmen von Wang Xingxing in Hangzhou gegründet, strebt das Unternehmen Mitte dieses Jahres an die Börse. Aus einem Startkapital von weniger als 15 000 Euro, das der Gründer damals mühsam in zwei Tranchen aufbringen musste, dürfte schon bald eine Bewertung von mehr als sieben Milliarden Euro werden. Das Emissionsvolumen beträgt – wie bei Tech-IPOs üblich – zunächst lediglich rund 10 Prozent der Anteile.

Heldengeschichten wie diese sind im heutigen China nicht ungewöhnlich. Auch das Profil von Wang Xingxing passt perfekt ins „Gruppenbild“ der dritten Generation chinesischer Privatunternehmer: 35 Jahre alt, auf dem Papier eine eher mittelmäßige Schul- und Universitätsausbildung, keine Auslandserfahrung, kaum Fremdsprachenkenntnisse. (Die drei Generationen, thematisiert auch in der Labubu-Geschichte von Juli 2025 https://www.chinahirn.de/2025/07/08/wan-hu-zhen-i-was-uns-labubu-lehrt-von-liu-zhengrong/)

Von Seltenheitswert ist dagegen der Unitree-Börsenprospekt. Denn die ganze Welt spricht zwar von der immensen Bedeutung der Robotik – doch belastbare Fakten zu „Robotics as a Business“ sind rar. Elon Musk preist seinen Tesla Optimus (ebenfalls ein Humanoid) umso enthusiastischer an, je länger sich die Serienproduktion verzögert. Noch nebulöser ist das zukünftige Geschäftsmodell von Optimus. Boston Dynamics gilt als Pionier und ist forschungsstark, kämpft jedoch ebenfalls mit der Serientauglichkeit und den hohen Kosten. Figure AI, die Nummer drei des amerikanischen Trios, ist trotz schnellen Wachstums noch ein Startup.

Nun legt Unitree, das sich selbst als weltweit führenden Robotik- und Humanoidenhersteller bezeichnet, auditierte und damit rechtlich verbindliche Zahlen und Fakten vor – auf 364 Seiten. Wan Hua Zhen hat sie für die ChinaHirn-Leserschaft quergelesen.

Das Business

Unitree unterstreicht seine Serienkapazität und Marktstellung mit einem kumulierten Absatz von 30 000 Roboterhunden und 5 500 Humanoiden im Jahr 2025, wobei das vierte Quartal im Prospekt noch auf Schätzung basierte. Das Unternehmen ist seit 2024 profitabel. Bei einem erwarteten Umsatz von 1,7 Milliarden RMB (plus 330 Prozent) rechnet das Unternehmen mit einem operativen Gewinn von 600 Millionen RMB für 2025. Mehr als die Hälfte des Umsatzes entfiel auf die fünf Humanoiden-Modelle. Mit einer Bruttomarge von 54,7 Prozent (!) sind die Humanoiden profitabler als die preiswerteren vierbeinigen Roboterhunde – obwohl der Stückpreis eines Humanoiden innerhalb von zwei Jahren von 300.000 RMB auf inzwischen deutlich unter 100 000 RMB gefallen ist.

„When the Chinese arrive, profit leaves the room“ – diesen halben Witz habe ich im vergangenen Jahr mehrfach gehört. Trotz starker Nachfrage und knappen Angebots senkte Unitree die Preise seiner Bestseller massiv. Und die Marge? Sie stieg zuletzt sogar weiter an. Wie passt das zusammen?

Als Erklärung führt das Unternehmen vor allem den fast vollständig selbst entwickelten Technologiekreislauf an – von Motoren und Getrieben bis zur Steuerungssoftware. Die fünf größten externen Lieferanten sind allesamt heimische Spezialfirmen, die eng in Innovation und Skalierung eingebunden sind.

Die Investoren

Die aktuelle Investorenliste ist eine Mischung aus Wagniskapitalgebern, etablierten Technologie- und Industrieunternehmen sowie, ergänzend, staatlichen Fonds. Die beiden größten Anteilseigner halten zusammen 34 Prozent und sind dem Unternehmen selbst zuzurechnen. Dazu gleich mehr im nächsten Abschnitt „Governance“. Auf Seiten des Wagniskapitals darf Sequoia China nicht fehlen. Die Top-Adresse der chinesischen Risikofinanzierung ist längst unabhängig von Sequoia Capital und nennt sich „Hongshan Capital“, wobei Hongshan die chinesische Übersetzung von Sequoia ist. Hongshan war maßgeblich an der Entstehung von Tech-Giganten wie ByteDance (TikTok/Douyin), DJI (Drohnen) oder Meituan beteiligt, letzterer „zufällig“ auch der drittgrößte Anteilseigner von Unitree. Direkt dahinter folgt Hongshan selbst. Weitere drei Private-Equity-Fonds, die teilweise ausländische Investoren gebündelt haben, schließen sich an. Danach erscheinen zwei staatliche Fonds – jeweils einer aus Beijing und aus der Provinz Zhejiang. Es folgen mit Alibaba, Ant Group, Tencent, Xiaomi und Geely prominente Vertreter der Tech-Industrie.

Die ersten Finanzierungsrunden – „Angel“ und „Angel+“ genannt – fanden 2018 bzw. 2019 statt, also erst zwei bis drei Jahre nach der Unternehmensgründung. Der junge Wang Xingxing musste zunächst beweisen, dass er sich allein durchsetzen konnte. Zu Beginn waren ausschließlich private Kapitalgeber beteiligt – exzellent in der Tech-Szene vernetzt, bis in die USA, jedoch vorsichtig und breit diversifiziert investierend. Vom Staat war zunächst nichts zu sehen. Hongshan Capital stieg erstmals Ende 2019 in der sogenannten Pre-A-Runde ein und verlieh der damals unbekannten Firma den Ritterschlag. Übrigens wäre die Geschichte von „Hongshan“ in der Reformära für sich genommen schon ein Buch wert – Spannung garantiert.

Erst staatliche Fonds aus Shenzhen stiegen in der achten Finanzierungsrunde („B+“) ein – ganze sechs Jahre nach der Gründung von Unitree. Staatsnahe Mitfinanzierungen greifen typischerweise erst in der Reifephase eines Startups.

Über einen Zeitraum von acht Jahren stiegen zahlreiche Investoren mit sehr unterschiedlichen Hintergründen und Interessen ein und wieder aus; manche wie Hongshan kehrten später auch noch zurück. In diesem Fall drehte sich alles um einen jungen Mann ohne besondere Beziehungen, nicht einmal ein herausragender Schüler oder Student – aber besessen davon, Roboter selbst bauen zu wollen.

Warum funktioniert dieses Modell, und zwar nicht im Einzelfall, sondern als Serienerfolge Jahr für Jahr? Warum funktioniert es besser als in Deutschland, wo die formellen Voraussetzungen genauso vorliegen: Geld, Knowhow und Talente?

Wenn Deutschland nicht will, dass ein heimischer, gereifter Startup, wie das KI-Haus Meshcapade aus Tübingen von US-Giganten aufgekauft wird (Epic Games war in diesem Fall im Februar 2026 der Käufer), dann könnte man vielleicht von dem chinesischen Modell etwas abschauen.

Die Governance

Als Gründer besitzt Wang Xingxing laut Börsenprospekt direkt knapp 24 Prozent der Firmenanteile. Per Satzung sichert er sich jedoch 68,8 Prozent der Stimmrechte. Gilt in China nicht das Prinzip „eine Aktie, eine Stimme“, wie es § 134 des deutschen Aktiengesetzes vorsieht?

Grundsätzlich ja – aber mit Ausnahmen. Kurioserweise, und zugleich erfreulich, haben Deutschland und China fast zeitgleich, 2023/2024, rechtliche Rahmenbedingungen für sogenannte „Mehrstimmrechtsaktien“ geschaffen. In Deutschland ist hierfür das Zukunftsfinanzierungsgesetz (ZuFinG) verantwortlich, in China die Neufassung des Company Law mit der Verankerung eines A- und B-Aktien-Modells zugunsten von Gründern.

Die Aktien von Wang Xingxing – und ausschließlich seine – sind laut Prospekt als A-Aktien registriert. Mit einer 2/3 Mehrheit könnte er, falls nötig, alle anderen Aktionäre überstimmen. Ziel ist es, die Sonderstellung von Firmengründern und deren unternehmerische Vision bewusst zu schützen. Vergleichbare Anwendungsfälle in Deutschland konnte Wan Hua Zhen bislang nicht identifizieren.

Vor Inkrafttreten des ZuFinG wurde in Deutschland – wie üblich – angehört, konsultiert und debattiert. Das dauerte lange. Vor der Neufassung des Company Law in China wurde vor allem experimentiert. Auch das dauerte lange – im vorliegenden Fall ganze zehn Jahre. Mehrstimmrechtsaktien waren aktenkundig bereits seit 2013 als Ausnahmetatbestand im Rahmen von Pilotprojekten möglich.

Loslegen, evaluieren, anpassen, weitermachen – das ist das Grundmodell in China seit Deng Xiaoping’s berühmten Spruch, „crossing the river by touching the stones“. Gesetzliche Verankerung ist in China meistens nicht der Startpunkt einer neuen Ära, sondern die Formalisierung und institutionelle Absicherung längst lebendiger Praxis.

Kleinhirn und Großhirn

Zurück zu Unitree. Atemberaubendes Wachstum, sagenhafte Margen – der Börsengang dürfte ein Erfolg werden, insbesondere für die Investoren. Ob Unitree jedoch im Jahr 2030 noch ein bedeutender Marktteilnehmer sein wird, ist dagegen offen. Das hat mit zwei eng miteinander verbundenen Herausforderungen zu tun, die weit über Unitree hinaus reichen: die KI-Integration und die höherwertigen industriellen Anwendungen. 

Unitree-Roboter verfügen schon heute über ein ausgezeichnetes „Kleinhirn“, schreiben zahlreiche Tech-Analysten – gemeint sind die beeindruckende Beweglichkeit und Sportlichkeit. Gleichzeitig besitzen sie jedoch ein schwaches „Großhirn“. Die tiefere Integration von KI und Robotik steckt in den Kinderschuhen. Entsprechend entfielen im vergangenen Jahr fast drei Viertel der Verkäufe auf Anwendungen in „Bildung und Forschung“. „Vorführgeräte“, plattgesagt. Realisierte industrielle Einsätze machten nicht einmal 10 Prozent aus. Ebenso gering war der Anteil bei Alltagsanwendungen.

Zur Begründung schreibt Unitree im Prospekt, dass „insbesondere intelligente Entscheidungsfindung und Anpassungsfähigkeit an nicht standardisierte Szenarien“ noch nicht ausgereift seien. Zudem tobt weltweit ein Richtungsstreit über die Entwicklung von „Embodied AI“ für Roboter, nämlich zwischen dem Vision-Language-Action Model (VLA) und dem sogenannten Weltmodell. Dabei geht es um Verfahren und Standards, womit Roboter ihre Umgebung verstehen, antizipieren und in ihr handeln können.

Die unbekümmerte Antwort von Unitree: Wir setzen auf beide Ansätze.

Na dann – viel Erfolg!


P.S.

Amüsant vor allem für sprachkundige Leser: Wang Xingxing gab seinem ersten Serienprodukt – einem vierbeinigen Roboterhund – den Namen Laikago, eine unverkennbare Hommage an die berühmte Raumfahrthündin Laika an Bord der russischen Sputnik 2. Seine Tierliebe geht jedoch noch weiter. Auf der Liste der vorsorglich eingetragenen Marken finden sich äußerst seltene Schriftzeichen wie

猋猋 (gesprochen biāobiāo) – dreimal das Schriftzeichen „Hund“ übereinander gestapelt, und das Ganze doppelt. Sechs Hunde machen eine Marke. Die chinesischen Schriftzeichen machen es möglich.

犇犇 (gesprochen bēnbēn) – dreimal „Stier“ übereinander, ebenfalls doppelt;

驫驫 (ebenfalls bēnbēn) – dreimal „Pferd“ übereinander, doppelt.

Mit 35 sollte man ruhig noch ein wenig verspielt sein – besonders dann, wenn man bereits Milliardär ist.

* Hier erfahren Sie mehr über die Kolumne und deren Autor:

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