Am diesjährigen chinesischen Neujahrsfest machte ein 78 Jahre alter Mann aus der nördlichen Provinz Heilongjiang Schlagzeilen. Er hatte sich dort in den Zug gesetzt, um im 2200 Kilometer entfernten Hangzhou seine Enkelin zu (be-)suchen, weil sie ihn nicht zum Neujahrsfest besuchte. Er hatte nur eine vage Adresse von ihr und fand sie deshalb nicht. Mit Hilfe der Polizei konnte sie schließlich ausfindig gemacht werden und die beiden verbrachten zwei Tage miteinander.
Ein Einzelfall? Sicher nicht. Immer mehr ältere Chinesen leben alleine, über tausende Kilometer getrennt von Kindern und Enkelkindern. Kongchao lao ren (箜 老 人) – alte Menschen in einem leeren Nest – werden sie genannt.
Über 320 Millionen Chinesinnen und Chinesen sind derzeit älter als 60 Jahre. Diese Zahl wird bis 2040 auf über 400 Millionen wachsen. Inzwischen leben knapp 60 Prozent dieser alten Menschen alleine oder nur noch mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin, weil sich ihre Kinder nicht mehr um sie kümmern können oder wollen. Das traditionelle Modell 4-2-1 – vier Großeltern, zwei Eltern, ein Kind – hat zunehmend ausgedient. Die Eltern haben oft keine Zeit mehr, um für die Großeltern zu sorgen, auch weil sie oft weit entfernt wohnen. Sie sind in die Städte gezogen, die Eltern blieben auf dem Lande zurück. Zudem ziehen viele junge Menschen – vor allem in den Metropolen – das Singe-Leben vor und haben wenig Zeit und Interesse sich um die Eltern oder Großeltern zu kümmern. In guten alten sozialistischen Zeiten haben sich in den Städten die Arbeitseinheit (danwei) und auf dem Land die Kooperative um die Alten gekümmert. Aber auch das ist längst passé. Die traditionellen Normen der Altersversorgung sind also erodiert.
Zurück bleiben die Alten – alleine oder mit Partner(in). Wer wird für sie sorgen? Das ist eine zunehmend wichtige Frage, die sich auch die chinesische Politik stellen muss. „Chinese policymakers began to respond to these demographic problems as early as the 2010s but did so hesitantly at first”, schreibt der Würzburger Professor Björn Alpermann, “only recently has the issue been addressed more directly”. Alpermanns Zitate stammen aus einem Vorwort zu einer Dissertation, die Julia Demmer Ende vergangenen Jahres abgeschlossen hat und die gerade veröffentlicht wurde. Dank Open Source ist sie jedermann zugänglich. Titel: „Who cares? Vocational elder care education in China.“ Demmer gibt darin eine gute Einführung in die Problematik. Weil die Kinder als Versorger zunehmend ausfallen, sei „an institutional aged care system necessary“. Aber – so schreibt sie: „The construction of the senior care infrastructure in China is still in a development stage.” Noch gibt es viel zu wenig Alten- und Pflegeheime in China und auch zu wenig Personal. Demmer hat sich für ihre Promotion zwischen 2022 und 2024 in zwei Ausbildungsstätten für Altenpflege begeben – eines in der Millionenmetropole Chongqing, und eines in Gansu, das als eine der ärmsten Provinzen Chinas gilt. Immerhin ist die Zahl dieser Lehrstätten deutlich gestiegen – von 64 (2014) auf 279 (2020). Aber – so Demmer – „elder care is an unpopular profession“. Viele hören während der Ausbildung auf oder wechseln nach Ende in einen anderen Beruf.
Es gibt also noch viel zu tun in der chinesischen Altenpflege. Immerhin hat Chinas Regierung im soeben verabschiedeten 15. Fünfjahresplan den alten Menschen ein ganzes Kapitel gewidmet. Chapter 40 trägt den Titel: Actively Addressing Population Aging. Dort heißt es: We will promote the professionalization of the elderly care service workforce and improve the comprehensive supervision and efficiency of elderly care services. We will strengthen care and support for elderly people living alone and those in empty nests.“
Info:
Hier die Doktorarbeit von Julia Demmer: https://www.wup.uni-wuerzburg.de/en/aktuelles/news/single/page-1/?tx_news_pi1%5Bnews%5D=202170
Und hier ein gut gemachtes Video über ein chinesisches Dorf, in dem viele alte Menschen alleine leben: https://www.youtube.com/watch?v=RUWFd4aL3r0