Im Rummel um die vielen Roboter, die in der legendären Neujahrsgala des chinesischen Fernsehens aufgetreten sind, ging nahezu unter, dass dort auch vier Städte ihren großen Auftritt hatten: Harbin, Hefei, Yibin und Yiwu. Dieses Quartett wurde nicht primär wegen ihrer touristischen Sehenswürdigkeiten prominent vorgestellt, sondern vor allem wegen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Trotzdem will ich sie in dieser eher touristisch angehauchten Rubrik vorstellen, weil dies Städte sind, die bislang nicht besonders im Fokus waren – sieht man einmal von Harbin ab. Die prominente Platzierung dieser Orte in der Neujahrsgala ist auch ein Ausdruck einer veränderten Tourismuspolitik. Die Regierung will bereits seit einigen Jahren auf Orte und Sehenswürdigkeiten abseits der touristischen Trampelpfade hinweisen.
Die diesjährige Auswahl der Städte war regional wohl ausgewogen. Harbin sollte für die Wiederbelebung des Nordostens (dongbei) stehen, der ähnlich dem Ruhrgebiet sehr stark von alten Industrien geprägt war. Hefei ist die Hauptstadt der Provinz Anhui und liegt zentral in der Mitte des Landes. Sie hat sich in den vergangenen Jahren zu einem bedeutenden Innovations-Standort entwickelt. Yiwu liegt im boomenden Osten. Die Stadt gilt mit ihren zehntausenden Händlern als „Supermarkt der Welt“. Und Yibin („die erste Stadt am Jangtse“) im Südwesten wird als Transportation Hub bezeichnet.
Harbin, die Hauptstadt in der nordöstlichen Provinz Heilongjiang, ist sicher die bekannteste unter den Vieren. Sie gelangt alljährlich im Winter zur Berühmtheit, wenn zu dieser kalten Jahreszeit die Harbin Ice-Snow World veranstaltet wird. Dann fliegen dick vermummt auch viele Südchinesen oder gar Südostasiaten nach Harbin, wo im Februar durchschnittliche Temperaturen unter minus 20 Grad herrschen. Vor allem die gigantischen Eiskulturen sind beliebter Anziehungspunkt und beliebtes Fotomotiv.
Nicht so spektakuläre Motive bietet Hefei. Als Sehenswürdigkeiten sind zu nennen: die Residenz des Li Hongzhang, das Grab von Lord Bao, der Xiaoyaojin-Park und der Mingjao-Tempel. Hefei steht eher für das moderne China. Inzwischen ist Hefei eine der aufstrebendsten Städte Chinas. Die dortige University of Science & Technology gilt als eine der besten des Landes. Um sie herum haben sich einige Technologie-Cluster gebildet, zum Beispiel in der Quantentechnologie. Und Hefei ist auch das Zentrum der Kernfusion. Dort steht der weltberühmte Experimental Advanced Superconducting Tokamak (EAST).
Rund 500 Kilometer südlich von Hefei liegt Yiwu. Die Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt ist sicher kein touristischer Hotspot, aber sie ist trotzdem einmalig auf dieser Welt. Hier stehen riesige fußallfeldgroße Hallen, in denen zehntausende Händler ihre Waren anbieten. Hier kaufen Billighändler aus aller Welt ein. Fast alle Waren bei Euroshop, Tedi oder Woolworth stammen von dort. Etwas mehr an Landschaft und Geschichte zu bieten hat die vierte der in der Gala präsentierten Städte: Yibin in der Provinz Sichuan. Die rund 2000 Jahre alte Stadt liegt am Oberlauf des Jangtse, umgeben von beeindruckenden Bergen. Bekannt ist sie auch für den Schnaps der Marke Wuliangye.
Die Präsentation der vier Städte in der Neujahrsgala wird nicht ohne Folge bleiben. Es ist zu erwarten, dass die Besucherzahlen in diesen vier Städten in den kommenden Wochen und Monaten nach oben steigen werden. Yiwu meldete schon drei Tage nach der Sendung über 3,5 Millionen Besucher.
Info:
Hier Ausschnitte der Städte-Präsentationen in der CCTV-Gala.
Harbin: https://www.youtube.com/watch?v=W8i8k6sjSfM
Hefei: https://www.youtube.com/watch?v=VW9phSPWCiU