KULTUR I Das Gaunerstück von Nanjing

Ein Skandal um diverse Exponate aus dem Nanjing Museum erschüttert die Kunstszene, die Medien und inzwischen auch die Behörden. Um ihn zu verstehen, muss man etwas ausholen. Der Industrielle Pang Laichen war in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts einer der größten Kunstsammler Chinas. Ihm gehörten viele Werke aus der Zeit der Ming- und Qing-Dynastie. 1949 starb der reiche Magnat. Zuvor hatte er seine wertvolle Sammlung unter seinen Familienmitgliedern aufgeteilt. Auch sein ältester Enkel Pang Zhenghe gehörte zu den Begünstigten. Er stiftete 137 seiner geerbten Kunstwerke im Jahre 1959 dem Museum von Nanjing. Darunter war auch das berühmte Gemälde Jiangnan Chun (Frühling in Jiangnan) von Qiu Ying, einem Maler aus der Ming-Zeit.

Im Sommer vergangenen Jahres tauchte das Gemälde dann plötzlich im Katalog eines Auktionshauses in Beijing auf. Preis: 88 Millionen Yuan. Wie es dahin kam? Jetzt kommt ein gewisser Xu Huping (82) ins Spiel. Er diente einst in der Luftwaffe und landete 1973 im Museum von Nanjing, wo er sich hocharbeitete. 1985 wurde er Vizedirektor des Museums, 2001 dann schließlich Direktor. Dieses Amt hatte er bis 2005 inne. Unter seiner Ägide – so nun der Vorwurf – soll er gewisse Kunstwerke aus dem Museum als Plagiate bezeichnet haben und sie günstig an den Jiangsu Cultural Relics Store (dessen legaler Vertreter er war) verkauft haben. Später soll er dann diese vermeintlichen Plagiate an ein Auktionshaus in Shanghai weitergegeben haben, das zufälligerweise sein Sohn führte, und das die Werke zu Höchstpreisen verkaufte. Den satten Gewinn sollen Xu Huping und seine Mithelfer eingestrichen haben.

Dieses Gaunerstück von Nanjing kam nun an die Öffentlichkeit, weil sich viele fragten, wie kam das Gemälde Jiangnan Chun in den Katalog des Auktionshauses. Zwei Akteure waren an der Aufklärung besonders beteiligt. Zum einen die Familie von Pang Laichen, die immer wieder nach dem Verbleib ihrer gestifteten Kunstwerke fragte. Und Guo Lidian, ein ehemaliger Mitarbeiter des Museums. Er veröffentlichte am 21. Dezember auf WeChat ein Video, in dem er Xu Huping heftig beschuldigte. Demonstrativ hielt er seinen ehemaligen Mitarbeiterausweis (No 08006) in die Kamera, um seine Authentizität zu beweisen. Dann zog er vom Leder. Xu Huping habe Beamte und Mitarbeiter bestochen, damit sie ihn deckten. Er habe Experten unter Druck gesetzt, damit sie wertvolle Kunstwerke als Fälschungen deklarierten. Xu Huping beteuert hingegen seine Unschuld. In einem Video sagte er: „I’ve been retired for nearly 20 years. This matter did not pass through my hands, I am not an expert in painting authentication.“ Inzwischen ermittelt die Provinzregierung von Jiangsu in dem Fall. Und auch die State Administration of Cultural Heritage schickte ein Spezialteam nach Nanjing. Es gehen die Gerüchte um, dass Xu Huping inzwischen verhaftet worden sei.

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