In deutschen Städten und auf deutschen Straßen wird man sich an neue Lieferautos gewöhnen müssen. Sie sind knallrot. An den Seiten tragen sie einen weißen Schriftzug „Joybuy – Don´t just buy, Joybuy“.
Joybuy lautet der Name dieses neuen Onlinehändlers aus China, der diesen Monat gleichzeitig in sechs europäischen Ländern (Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Benelux) an den Start gegangen ist. Wer meint, da komme ein neuer, ein weiterer chinesischer Billighändler wie Shein oder Temu – der täuscht sich allerdings. Das Geschäftsmodell von Joybuy ist ein völlig anderes. Anders als bei Shein und Temu bietet Joybuy keine Billigprodukte an, die in China massenhaft gefertigt werden. Joybuy setzt hingegen vor allem auf internationale Markenartikel – von Apple, Bosch und Braun über L‘Oréal, Lego und von LG bis Sony. Und Joybuy nutzt nicht wie Shein oder Temu die Post, sondern liefert die Waren selbst aus. Ein Joy-Sprecher erklärt vollmundig: „Mit unserer jahrzehntelangen Handels- und Logistikexpertise bringen wir ein Modell nach Europa, das Online-Shopping neu definiert. Wir wollen taggleiche Lieferungen perspektivisch zum neuen Standard machen.“
Joybuy versucht mit seinen Lieferangeboten zu punkten. Im Mittelpunkt steht die „Double 11“-Expresslieferung. Wer bis morgens 11 Uhr bestellt, bekommt die Lieferung noch am selben Tag. Wer bis 23 Uhr ordert, erhält die Waren am nächsten Tag. In Deutschland gilt allerdings dieses Angebot vorerst nur in gewissen westdeutschen Großstädten wie Dortmund, Düsseldorf, Essen und Köln. Das Angebot soll aber in den kommenden Monaten auf weitere Städte ausgeweitet werden.
Ausgeliefert werden die Waren vom eigenen Zusteller Joy Express. Er besteht aus einer Flotte von Vans und E-Bikes, die zwischen den Lagerhäusern und den Kunden verkehren. Verantwortlich für den europaweiten Aufbau dieses – so der Fachausdruck – Last-Mile-Service ist übrigens ein Deutscher: Axel Eggenwirth. Er hat früher u.a. bei Amazon gearbeitet und eine Zeitlang in China.
Hinter Joybuy steckt ein gigantisches, sehr profitables Unternehmen – JD.com. In der Hauptstadt Beijing wurde JD.com anno 2004 von Richard Liu – oder in der chinesischen Schreibweise Liu Qiangdong – gegründet (siehe ein Porträt in der Rubrik HU IS HU). JD steht für Jingdong. Jing steht für den zweiten Teil des Vornamens des Gründers, Dong für einen Teil des Vornamens seiner damaligen Freundin. Anfangs eher belächelt, hat sich JD.com inzwischen zum größten Handelsunternehmen Chinas entwickelt. Im vergangenen Jahr machte der Konzern 187 Milliarden Dollar Umsatz. Früher war JD.com ein Herausforderer des Platzhirsches Alibaba, der 1999 mit dem E-Commerce-Business in China angefangen hatte. Inzwischen hat JD.com Alibaba überholt – auch und vor allem wegen seines überlegenen Logistikkonzepts. JD.com verfolgt einen „logistic-first“-Ansatz, das heißt die Logistik steht an erster Stelle. Inzwischen hat der Konzern ein chinaweites Liefernetz mit über 1600 Warenhäusern und einer gigantischen Flotte von Zustellern.
Dieses Konzept soll sukzessive auch in Europa etabliert werden. Hier ist der Konkurrent aber nicht Alibaba, sondern der US-Gigant Amazon. Das ist nochmals eine andere Nummer. Dass JD.com aber in den beiden wichtigsten europäischen Amazon-Märkten Deutschland und Großbritannien startet, zeugt vom Selbstbewusstsein der Chinesen. Sie haben sich jedenfalls sorgfältig auf den Markteintritt in Europa vorbereitet. Ins strategische Konzept passt auch, dass JD.com im vergangenen Jahr für 2,2 Milliarden Euro die Elektrohandelskette MediaMarkt übernommen hat (die Zustimmung diverser Kartellbehörden steht noch aus). Damit hat JD.com auch ein wichtiges Standbein im europäischen Offline-Handel. Es ist zu vermuten, dass künftig – Stichwort: Click-and-Collect – in den Saturn- und Mediamärkten auch Joybuy-Ecken etabliert werden, in denen bestellte Waren abgeholt werden können.
Info:
Hier geht es zur deutschen Website von Joybuy: https://www.joybuy.de/
Und hier mehr über das Mutterhaus JD.com: https://corporate.jd.com/ourBusiness