Am 20. März erschien im C. H. Beck Verlag das Buch „Wenn China angreift“ von Andreas Fulda. Darin beschreibt der deutsche Politikwissenschaftler, der an der University of Nottingham lehrt, ein im Februar 2027 beginnendes Szenario der Einnahme Taiwans durch die Volksbefreiungsarmee Chinas. Das Thema entspricht dem Zeitgeist der gegenwärtigen Kriegshysterie. Russland greift die Ukraine an, Trump den Iran. Da müsste doch Xi Jinping endlich mal Taiwan einnehmen. Letzteres wird seit Jahren von diversen Autoren prophezeit und herbeigeschrieben. Als ominöses Datum für den Angriff gilt immer wieder das Jahr 2027, das letzte Jahr im sogenannten „Davidson Window“. Admiral Phil Davidson, damals Kommandeur der amerikanischen Indo-Pazifik-Streitkräfte, sagte im März 2021 vor einem US-Senatsausschuss, dass China „could be ready to pursue its goal of taking control of Taiwan by 2027.“
Deshalb hat wohl auch Fulda dieses Datum für sein Szenario benutzt. Doch wie blöde für den Autor: Just zwei Tage vor Erscheinen des Fulda-Buches veröffentlichte das amerikanische Office of the Director of National Intelligence den jährlichen „Threat Assessment of the U. S. Intelligence Community“. Darin heißt es zu Taiwan: „The IC (Intelligence Community) assesses that Chinese leaders do not currently plan to execute an invasion of Taiwan in 2027, nor do they have a fixed timeline for achieving unification.” Wie nun? Weiß der Mann im englischen Elfenbeinturm mehr als die geballte Intelligenz der amerikanischen Geheimdienste? Sicher nicht. Aber diese kleine Unkenntnis wird den vor Selbstbewusstsein strotzenden Fulda nicht jucken.
Er sei vom C. H. Beck Verlag gebeten worden, dieses Buch zu schreiben, schreibt Fulda. Der Münchner Verlag hatte bereits im März 2025 „Wenn Russland gewinnt“ von Carlo Masala veröffentlicht. Darin beschreibt dieser das Szenario eines russischen Angriffs auf das Baltikum im März 2028. Das Buch des Talkshow-Dauergasts Masala war erfolgreich. Also schnell – so ticken eben Verlage – ein Jahr später ein weiteres Werk mit ähnlichem Duktus nachschießen. Der Beck-Verlag fragte deshalb – warum auch immer – Andreas Fulda, der sich hierzulande als China-Kritiker und als Rundumschläger gegen alle, die nicht seiner Meinung sind, einen Namen gemacht hat. Er habe als Wissenschaftler über das Angebot nachgedacht und sich gefragt: „Ist das vertretbar oder verstoße ich damit gegen etablierte wissenschaftliche Gepflogenheiten?“ Es siegte wohl die Eitelkeit über vermeintliche Skrupel.
Und so schrieb er das Buch, das – so Fuldas Eigenlob – „die gründlichen Recherchen eines Wissenschaftlers mit den literarischen Freiheiten eines Schriftstellers“ verbinde. Naja, heraus kam ein Zwitter zwischen Thriller und Pamphlet. In den ersten rund 100 Seiten (Teil 1 und 2) versucht sich der „Schriftsteller“ Fulda an der Beschreibung eines Szenarios, in dem China Taiwan einnimmt. Sagen wir mal so: Es gibt wesentlich bessere Thriller-Autoren. Im Pamphlet-artigen Teil 3 („Wehret den Anfängen“) ruft er zur Verteidigung der freien Welt auf (gibt es die noch?), die durch das autoritäre Regime in China gefährdet sei, mit dem Deutschland immer noch viel zu eng kooperiere. Fulda möchte aber – wie er schreibt – „nicht nur warnen, sondern auch konstruktive Wege für die Politik formulieren“. Das tut er in vier Thesen, wobei die ersten beiden Thesen gar nichts mit Taiwan zu tun haben. Die erste These („Chinas autokratisches System wird zu häufig weichgezeichnet“) richtet sich vor allem gegen die mit China Geschäfte machenden „deutschen Industriellen“ und seine Lieblingsgegner – die deutschen Sinologen – die er pauschal als Weichzeichner diffamiert. In der zweiten These („Deutschlands Entflechtung von China muss entschiedener vorangetrieben werden“) fordert er eine sukzessive Entflechtung der deutschen Wirtschaft von China. Das würde kurzfristig Kosten verursachen, aber langfristig Vorteile bringen. Eine kühne These, die der Wissenschaftler in einem Satz heraushaut, ohne sie zu belegen. In der dritten These fordert er, dass „Taiwan nicht länger ein Tabuthema in der deutschen Debatte sein darf“. Hat der Mann auf der Insel nicht mitbekommen, dass hierzulande sehr wohl tabufrei über Taiwan diskutiert wird, dass so viele deutsche Politiker in den vergangenen Jahren nach Taiwan gereist sind wie noch nie. Die vierte These lautet: „Deutschland kann Taiwans Verteidigungsfähigkeit stärken und so helfen, Frieden zu sichern.“ Wie bitte? Heißt das: Waffenlieferungen nach Taiwan? Frieden schaffen durch noch mehr Waffen? Dabei will doch Fulda „Wege der Konfliktvermeidung aufzeigen“, wie im Klappentext steht. Ich habe keine Wege auf den 155 Seiten entdeckt.
Ich habe sie aber in einer Publikation gefunden, die ein paar Tage nach Fuldas Buch erscheinen ist. Sie ist weniger reißerisch und polemisch, dafür aber fundierter und wirklich auf Konfliktvermeidung zielend. Ihr Titel: „Cross-Strait crossroads: Pathways for America‘s Taiwan policy”, herausgegeben von den beiden amerikanischen Thinktanks Brookings und RAND. Im Vorwort schreiben die beiden China-Experten Ryan Hass (Brookings) und Jude Blanchett (RAND) einen Satz, als ob sie Fuldas Werk gelesen hätten: „The public debate over Taiwan has too often been narrow on its focus, heavy on military scenarios, and insufficiently attentive to the diplomatic, political, and economic dimensions of one of the world’s most complex strategic challenges.” Die fünf Autoren denken nicht – wie Fulda – in bellizistischen Kategorien und wenden sich gegen die Zwangsläufigkeit eines Krieges zwischen China und Taiwan (und möglichen Verbündeten). Am besten hat mir der Beitrag von Bonnie S. Glaser (German Marshall Fund) gefallen, die darin die US ermutigt „to organize a coalition of countries to actively discourage Beijing from using force and instead encourage a peaceful resolution of cross-strait difference.“
Fulda würde sicher Glaser als Weichzeichnerin bezeichnen. Ich nenne sie eine verantwortungsvolle Wissenschaftlerin.
Info:
Das Buch: Andreas Fulda: Wenn China angreift, C. H. Beck Verlag, 155 Seiten, 18 Euro.
Das US-Dokument „Threat Assessment of the U. S. Intelligence Community“ (die Taiwan-Passage ist auf Seite 22): https://www.intelligence.senate.gov/wp-content/uploads/2026/03/ATA-2026-unclassified-16-Mar-FINAL.pdf
Die Alternative: https://www.brookings.edu/wp-content/uploads/2026/03/FP-20260319-brookings-rand.pdf