Der Iran-Krieg geht in die fünfte Woche. Wie lange er noch dauern wird, ist derzeit nicht abzusehen. Aber jetzt wird schon spekuliert, wer die Gewinner und Verlierer dieses Konflikts im Nahen Osten sein könnten. Die USA, die sich ziemlich plan- und ziellos in diesen Krieg gestürzt haben, dürften zu den Verlierern zählen, ebenso die eigentlich unbeteiligten Golfstaaten, die ja eher zu den USA tendieren und deswegen vom Iran bombardiert wurden. Ja, und die Gewinner sind zwei Staaten, die direkt gar nicht involviert sind: Russland – und vor allem China. Agathe Demairas (European Council on Foreign Relations/ECFR) überschreibt ihren Kommentar (21. März) mit der Zeile: “Why China, not Russia, could be the real winner of the Iran War.” Russland profitiert zwar kurzfristig von den steigenden Öl- und Gaspreisen, aber China gewinnt mittelfristig, weil es sich unter anderem als weltweiter Lieferant von Solarpanels und Windturbinen in der Nachkriegszeit anbieten kann, weil die USA und auch ihre Währung geschwächt aus dem Krieg hervorgehen werden und Chinas globale Rolle gestärkt wird, indem es sich als „harbour of stability“ präsentiert (Ministerpräsident Li Qiang soeben auf dem China Development Forum).
Natürlich leidet auch China unter den höheren Preisen, aber nicht so brutal wie die anderen asiatischen Staaten (siehe dazu die Übersicht der Friedrich-Ebert-Stiftung „Krieg am Golf – Krise in Asien“). „Chinas jahrelange Bemühungen, sein Energiesystem abzusichern, haben es widerstandsfähiger gegenüber den Ölpreissteigerungen infolge des Iran-Krieges gemacht“, schreibt Nis Grünberg (Merics). Die Volksrepublik sei bei der Energieversorgung zu 85 Prozent autark. China habe in den vergangenen Jahren gewaltige Ölreserven aufgebaut. Die Rede ist von 1,2 bis 1,3 Milliarden Barrel Öl. Sie reichen – so schätzt der Atlantic Council Energy Center – für drei bis vier Monate. Kein Land sitzt auf höheren Ölreserven. Aber noch wichtiger ist die Tatsache, dass China seit Jahren den Ausbau der erneuerbaren Energien foricert (Sonne, Wind, Wasser und nach chinesischer Definition auch Atom), um sich von Öl- und Gasimporten unabhängiger zu machen. Kein Land hat diesen Weg Richtung erneuerbarer Energien so konsequent bestritten wie China.
Diesen Weg werden in Zukunft auch andere Länder gehen müssen. Die Notwendigkeit hat ihnen dieser neue Ölkrieg nochmals brutal vor Augen geführt. Es ist also damit zu rechnen, dass viele Staaten – auch im Globalen Süden – ihre Investitionen in Solar- und Windanlagen erhöhen werden. Eine Entwicklung, von der China massiv profitieren wird. Denn China hat in den vergangenen Jahren eine gewaltige Industrie aufgebaut und ein globales Fast-Monopol erreicht: Das Land produziert 80 Prozent aller Solar-Panels, 70 Prozent aller Windturbinen und 70 Prozent aller Lithium-Batterien (für E-Autos). Wenn es in der Nachkriegszeit in vielen Ländern zu einem Ausbau der erneuerbaren Energien kommt, wird das vor allem diesen chinesischen Anbietern zugutekommen. Und chinesische Firmen könnten auch beim Wiederaufbau zerstörter Gebäude und Infrastruktur viele Aufträge bekommen, denn die Region ist Teil der chinesischen Belt-and-Road Initiative.
China pflegt gute Beziehungen zu den Golfstaaten und dem Iran. Der Iran dankt nun diese chinesische Treue mit einer Vorzugsbehandlung chinesischer Tanker, die – wie so viele andere – in der Straße von Hormus festsitzen. Am frühen Morgen des 23. März durfte die New Voyager, die zwar unter der Flagge Panamas fährt, aber im Besitz einer chinesischen Reederei ist, als erster chinesischer Tanker die Meerenge von Hormus passieren. Weiteren chinesischen Schiffen wurde das in den folgenden Tagen erlaubt.
Inzwischen kündigte die iranische Regierung an, dass auch Schiffe anderer Nationen die Straße von Hormus verlassen könnten, wenn sie ihre Ladungen in chinesischer Währung – dem Yuan – fakturierten. Das ist ein geschickter Schachzug (ob ihn die Chinesen den Iranern eingeflüstert haben?), denn damit schadet der Iran auch den USA. Bislang wurden fast alle Energiekäufe im Nahen Osten in Dollar bezahlt, dem sogenannten Petrodollar.
Die Analystin Mallika Sachdeva hat dazu soeben einen kurzen Report für Deutsche Bank Research geschrieben: „What Iran means for the dollar: a perfect storm for the petrodollar.“ Sie sieht aufgrund der aktuellen Entwicklung die Dominanz des Dollars schwinden und spekuliert: „The conflict could be remembered as a key catalyst for erosion in petrodollar dominance, and the beginning of the petroyuan.“
Info:
Der Kommentar von Agathe Demairas: https://ecfr.eu/article/why-china-not-russia-could-be-the-real-winner-of-the-iran-war/
Die Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung „Krieg am Golf – Krise in Asien“: https://www.fes.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=161965&token=de2f723cb9e0afd5b98d14c8a772641dc2a7e451
Die Deutsche-Bank-Analyse von Mallika Sachdeva: https://www.dbresearch.com/PROD/IE-PROD/PDFVIEWER.calias?pdfViewerPdfUrl=PROD0000000000622186&rwnode=REPORT