HU IS HU I Richard Liu – der Mann, der Amazon angreifen will

In den vergangenen Monaten rückte in Deutschland ein chinesisches Unternehmen ins Rampenlicht, von dem die meisten hierzulande noch nie etwas gehört hatten: JD.com. Zuerst übernahm er die Saturn Mediamärkte mit seinen über 1500 Filialen. Und nun will er mit Joybuy den europäischen Online-Handel aufmischen (siehe Story oben). Noch unbekannter als das Unternehmen ist der Mann, der hinter der Erfolgsstory von JD.com steckt – Richard Liu oder Liu Qiangdong. 

Wer ist dieser Richard Liu, der vor mehr als 20 Jahren diesen Konzern gründete und jetzt den amerikanischen Giganten Amazon herausfordert?

Der 53jährige Liu stammt aus einer Familie mit kapitalistischen Wurzeln. Mit ihren eigenen Schiffen transportierten seine Vorfahren Waren auf dem Yangtse und dem Kaiserkanal von Hangzhou nach Beijing. Doch nach 1949 war Schluss damit. Die Familie verlor alles, und Liu wurde in eine arme Familie im nördlichen Jiangsu hineingeboren. Dort ist er in Chang‘an in der Nähe von Suqian aufgewachsen. In dem Dorf gab es damals weder fließendes Wasser noch Strom. Das von ihm geliebte Schweinefleisch bekam Liu nur ein- oder zweimal im Jahr aufgetischt. 

Früh erkannte er, dass es nur einen Weg aus diesem Elend gibt: Lernen, lernen, lernen. Getreu dieser Maxime schnitt er 1992 beim Gaokao als Bester in ganz Jiangsu ab.  Er konnte sich damit die Uni aussuchen, an der er studieren wollte. Er entschied sich für die Renmin Universität in Beijing. Nur mit Mühe und Not konnten seine Eltern die 500 Yuan zusammenkratzen, die er für eine Fahrkarte ins 700 Kilometer entfernte Beijing benötigte. Als er Chang‘an Richtung der Hauptstadt verließ, gaben ihm die Dorfältesten jeweils ein gekochtes Ei mit, damit er die ersten Tage in Beijing nicht zu hungern hatte. An der Renmin Universität studierte er Soziologie, fand das aber langweilig. Das Studium lastete ihn nicht aus. Er brachte sich daher selbst das Programmieren von Computern bei. Mit dem Geld, das er dadurch verdiente, startete er sein erstes Business: ein Restaurant, das nach acht Monaten pleite war. Danach jobbte er bei einer japanischen Firma, sparte 12 000 Yuan, um nach zwei Jahren erneut ein Unternehmen zu gründen. Auf vier Quadratmetern verkaufte er Computerzubehör. Er heftete Preisschilder an seine Produkte und gab Quittungen aus – beides war neu. „Vom ersten Tag an verkaufte ich nie Fälschungen, und bald hatte ich die beste Reputation“, sagt Liu., Bald hatte er zwölf Shops in Beijing – bis 2003 die Infektionskrankheit Sars über China kam. Er musste die Läden schließen und versuchte eher aus Not, einen Teil seiner Produkte online zu verkaufen. Und plötzlich sah er, was da abging und entschied: Das ist die Zukunft. Heute sagt er: „Wenn es Sars nicht gegeben hätte, wäre ich nie so reich und erfolgreich geworden.“

Als er 2003 JD.com gründete, hatte er gerade mal 38 Mitarbeiter. Das junge Unternehmen machte einen Umsatz von 18 000 Dollar. Heute hat JD.com fast eine Million Mitarbeiter und ist mit 186 Milliarden Dollar Umsatz das größte private Unternehmen Chinas. Lius Vermögen wird auf sechs Milliarden Dollar geschätzt. Es war schon mal mehr, nämlich 22 Milliarden Dollar. Auch die Marktkapitalisierung des Unternehmens, das sowohl an der Nasdaq als auch in Hongkong gelistet wurde, ist von über 100 Milliarden auf 45 Milliarden Euro zurückgegangen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen hat Liu dem Konzern einen teuren Expansionskurs verordnet. Neben dem angestammten Onlinehandel ist JD.com inzwischen auch in viele andere Bereiche eingestiegen. Zum Beispiel bietet JD.com über Tochterunternehmen Essenslieferdienste und Reisen an. Den Einstieg in diese neuen Bereiche erkaufte sich Liu meist mit einer aggressiven Preispolitik. Zum anderen bietet JD.com seinen Mitarbeitern Sozialleistungen an, wie eine Kranken- und Arbeitslosenversicherung an. Damit war das Unternehmen Pionier in der ausbeuterischen Online-Szene Chinas. Die Konkurrenz musste zwangsläufig nachziehen. Liu gibt sich gerne volksnah und mischt sich schon mal als Fahrer unter seine Mitarbeiter. Ein schwarzer Fleck in seiner Tellerwäscherkarriere ist allerdings ein Ereignis aus dem Jahre 2018. Damals wurde er im amerikanischen Minneapolis festgenommen, weil ihm eine chinesische Studentin Vergewaltigung vorwarf. Man einigte sich schließlich außergerichtlich.

Seit April 2022 ist Richard Liu nicht mehr CEO des Unternehmens. Wie andere Gründer und CEOs großer Internetkonzerne (Colin Huang/Pinduoduo, Zhang Yiming/ByteDance und Su Hua/Kaishou) trat er damals zurück, weil – so wird gemunkelt – Chinas Führung diese Herren zu mächtig wurden. Liu blieb aber Chairman und ist in dieser Funktion für die langfristige Strategie zuständig. Und zu dieser gehört, dass er Amazon, den größten Händler der Welt, attackieren will.

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