Um 9.44 Uhr am 22. Dezember wurde der endgültige Sendeschluss verkündet. Auf den Wellen der beliebten Radiosender HIT FM 88,7 in Beijing und HIT FM 87,9 in Shanghai wurde den Hörern mitgeteilt, dass nur noch bis Mitternacht gesendet werde – danach sei Schluss. Gerüchte über die Schließungen kursierten schon länger in der Fangemeinde, aber für die meisten kam dann das Aus doch überraschend. Die 1999 gestarteten Sender waren vor allem bei der etwas älteren Generation sehr beliebt. Dort konnten sie zum ersten Mal westliche Popmusik hören. Manche Hörer verbesserten auch dadurch ihre Englisch-Kenntnisse. Doch nun ist Schluss. Die HIT-Sender sind aber nicht die einzigen Radiostationen, die den Betrieb eingestellt haben. Viele Sender haben in den vergangenen Jahren dicht gemacht. Deshalb stellt sich Nora Zhou in einem Artikel in The World of Chinese (5. Februar) die Frage: „Is Radio in China Turning Out or Just Reinventing Itself?”
Bevor sie diese Frage beantwortet, blickt sie zurück in die Geschichte des chinesischen Rundfunks. Die erste Radiostation wurde 1923 in Shanghai von dem amerikanischen Journalisten E. G. Osborn gegründet. Während des Krieges gegen die Japaner waren die Rundfunksendungen ein wichtiges und mächtiges Propaganda-Instrument der Chinesen. Das blieben sie auch nach der kommunistischen Machtübernahme. Von der Ausrufung der Volksrepublik am 1. Oktober 1949 wurde sechs Stunden live im Radio berichtet. In den Folgejahren blieb das Radio das wichtigste Medium. Es gab wenige Zeitungen. Zudem waren viele Chinesen des Lesens nicht mächtig. Zwischen 1950 und 1960 verdreifachte sich die Zahl der lokalen Radiosender. In den späten 70er Jahren zu Beginn der Reform-Ära wurden die Programme stärker personalisiert. Es gab immer mehr Programme für verschiedene Zielgruppen. 1986 präsentierte Zhujiang Economic Radio in Guangdong dann ein völlig neues Live-Format mit Beteiligung der Hörer. Danach – besonders in den 90er Jahren – wurden Late-Night-Shows beliebt, in denen auch sehr private Probleme besprochen werden konnten.
Doch zunehmend machten zwei Alternativen dem guten, alten Radio Konkurrenz: erst das Fernsehen und dann das Internet. Die Zahl der Hörer ging zurück und mit ihnen auch die Werbeeinahmen. Allein zwischen 2017 und 2023 sanken sie von 15,6 Milliarden auf 6,7 Milliarden Yuan. Viele Sender überlebten diesen Niedergang nicht. Allein zwischen April 2024 und Ende 2025 hörten 85 lokale Radiosender auf. Eine ähnliche Entwicklung ist auch bei den lokalen Fernsehsendern festzustellen. Darüber berichtet Dalia Parete in dem Artikel „The Great Broadccasting Retreat“ in China Media Project (12. März). Sie konstatiert „a nationwide wave of broadcast closures that has been accelerating since 2023.”
Statt Rundfunk und TV boomt das Internet. Viele Macher der Radioprogramme wechselten zu den sozialen Medien und bieten inzwischen dort ihre Dienste an. So sind zum Beispiel einige Moderatoren von HIT FM auf Xiaohongshu, NetEase Cloud Music, Ximalaya, WeChat Live-Streaming aktiv. Bilibili bietet inzwischen ein „Radio Host Support Program“ an.
Und es gibt noch ein zweites Medium, das immer mehr Zuhörer findet: Podcasts. Ihre Zahl soll in China inzwischen über 150 Millionen betragen. Podcast-Hörer sind meist zwischen 25 und 40 Jahre alt. Die 29jährige Manga Zhang wird in dem Artikel von Nora Zhou mit der Aussage zitiert: „What podcasts mean to me might be what radio was to the older generation.“
Doch ganz verabschiedet hat sich die ältere Generation noch nicht. Im Januar trafen sich über 150 langjährige HIT-FM-Hörer in einer Musikbar in Beijing, um mit vier Moderatoren des geschlossenen Senders zu feiern. Es soll eine tolle Party gewesen sein.
Info:
Hier der Artikel von Nora Zhou in The World of Chinese: https://www.theworldofchinese.com/2026/02/radio-china-declining-listenership-reinventing-itself/
Hier der Artikel „the Great Broadcasting Retreat” in China Media Project: https://chinamediaproject.org/2026/03/12/the-great-broadcasting-retreat/