China hat bei sogenannten Robotaxis – autonom fahrenden Autos – derzeit weltweit die Nase vorn. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Artikel, die soeben unabhängig voneinander erschienen sind. Am 10. Februar kam das Portal ThinkChina heraus mit dem Artikel „Built for Chaos: Why China´s robotaxis are streets ahead”, geschrieben von Taylor Lynch Ogan, einem Hedgefund-Manager, und Chen Xiangming, Professor am Trinity College in Connecticut. Einen Tag später veröffentlichte ChinaTalk-Reporter Nick Corvino den Artikel „Is China Cooking Waymo?“ Waymo ist seiner Meinung nach der einzig ernstzunehmende Konkurrent für die chinesischen „Big Three“. Damit meint er Apollo Go (dahinter steckt der Internetkonzern Baidu), WeRide und Pony.ai.
Amerikanisches Waymo versus chinesische Big Three – das ist also die Konstellation in einer Technologie, die für die Autoindustrie künftig prägend sein wird. Falls Sie jetzt fragen: Und wo bleiben die Europäer? – muss ich leider antworten: Sie spielen nicht in dieser Liga. Sie sind abgehängt und höchstens im Rückspiegel zu sehen, wenn überhaupt. Aber auch die Amerikaner haben Schwierigkeiten, mit den Chinesen mitzuhalten. Das ist jedenfalls das Resümée der beiden Artikel. Die Autoren sehen China bei mehreren Parametern vorn, zum Beispiel bei gefahrenen Kilometern und der Anzahl der Fahrten. In China gibt es viel mehr Testzonen (über 50!) als in den USA. Außerdem fahren sie dort unter viel schwierigeren Bedingungen, denn der Straßenverkehr in China ist viel chaotischer als in den USA: „Chinese cities present driving conditions categorically different from Waymo´s operating areas“, schreiben Ogan und Chen.
Auch bei den Kosten hat China Vorteile. Die chinesischen Hersteller setzen im Gegensatz zu Waymo (und das weit zurückliegende Tesla) auf günstigere Sensoren statt auf Kameras. Die Chinesen nutzen LiDAR – das steht für
„Light Detection and Ranging“. Dieses System nutzt Laserlicht, um Entfernungen zu messen. Während beispielsweise Tesla-Gründer Elon Musk LiDAR verspottet („fool errand“), fahren alle chinesischen Robotaxis mit LiDAR. Inzwischen kontrolliert China den weltweiten LiDAR-Markt. Die wichtigsten Player kommen aus China: Hesai, RoboSense, Seyond und Huawei.
Da die meisten chinesischen Robotaxis elektrisch fahren, können sich die Hersteller dort bei den weltweit dominierenden chinesischen Batterieherstellern wie BYD oder CATL bedienen. All dies bringt Kostenvorteile für die chinesischen Big Three. Corvino taxiert die Produktionskosten für ein Waymo-Robotaxi auf 130 000 bis 150 000 $, während die chinesischen Konkurrenten nur auf 30 000 bis 50 000 $ kommen.
Kein Wunder also, dass die Chinesen auch bei der Internationalisierung vorn liegen. Während Waymo gerade mal mit zwei Ländern (Großbritannien und Japan) Verträge hat, sind die chinesischen Hersteller bereits in mehr als einem Dutzend unterwegs, darunter vor allem im Nahen Osten. „China has the clearest advantage in the Middle East“, schreibt Nick Corvino. Aber auch in Europa tauchen – so Corvino – die Chinesen verstärkt auf: “Chinese AV companies are making significant inroads ahead of American competitors.” Allerdings stoßen sie in der EU auf regulatorische Widerstände, denn dort werden chinesische AVs (autonomous vehicles) als mögliche Spionage-Gefährte eingestuft. Die Chinesen versuchen, dies umzugehen, indem sie Partnerschaften mit europäischen Herstellern eingehen. So hat sich im Herbst 2025 der französische Autokonzern Stellantis (u.a. Fiat, Peugeot, Opel) mit Pony.ai zusammengetan, um gemeinsam Robotaxis für den europäischen Markt zu entwickeln, wobei in dieser Kooperation der chinesische Partner der Technologieführer ist. So weit ist es also gekommen: China wird zum Lehrmeister für Europa – und das in einer Technologie, die die Autobranche in den nächsten Jahren und Jahrzehnten revolutionieren wird.
Info:
Hier der Artikel in Chinatalk: https://www.chinatalk.media/p/is-china-cooking-waymo
Und hier der Beitrag in Think China: https://www.thinkchina.sg/technology/built-chaos-why-chinas-robotaxis-are-streets-ahead