KULTUR I Chengdu – Chinas glücklichste Stadt, auch die freieste?

Seit zehn Jahren landet Chengdu bei Umfragen über die glücklichste Stadt Chinas immer auf Platz eins. Und seit rund zehn Jahren wird die Hauptstadt Sichuans auch als „China‘s queer capital“ bezeichnet. Vieles ist hier möglich, was in anderen Metropolen des Landes nicht möglich ist. Hier herrscht ein ausgiebiges Nachtleben, eine vielfältige Subkultur-Szene, aber auch ein intellektuelles Treiben, das sich vor allem in den unabhängigen Buchläden abspielt.

All dies verleitete die Autorin Sadie Bargeron soeben in Jing Daily zu einem Beitrag mit der Überschrift „Chengdu: China‘s heart of creative freedom“. Sie kommt darin zu dem Schluss, dass in Chengdu „more room for experimentation than in Shanghai or Beijing“ herrsche. Chengdu sei langsamer und günstiger als die Hauptstadt oder die hektischen Metropolen an der Ostküste. Sie schreibt: „Many people come to Chengdu in search of a comfortable and open lifestyle.” Vor allem junge Leute zieht die Stadt an. Filmemacher Ben Mullinkosson, der 2023 einen Doku-Film über Chengdus queere Clubszene gedreht hat, sagt: „It‘s a very tolerant and accepting place.“ Und weiter: „People look a little crazier and don´t really care what anyone thinks, so it creates a safe space to party.” Mullinkosson drehte gerade einen neuen Film über die Skaterszene In Chengdu („F*ckboy“). Er sagt über seine Erfahrungen mit der örtlichen Polizei: „I don’t get kicked out from skateboarding spots as much because the police are more fascinated by skateboarding than wanting us to leave.“

Abseits der Skater- und Jugendkultur bietet Chengdu auch die mehr etablierte Kunst. Die ART Basel betrachtet Chengdu „as a rising hub for art and architecture, attracting independent galleries and younger collectors.” Und Chengdu hat eine große Anzahl unabhängiger Buchläden. Über diese Szene schreibt die niederländische Journalistin Tabitha Speelman in China Books Review (29. Januar).  Über 20 neue Buchläden hätten seit Ende von Corona aufgemacht. Speelman lebt in Beijing, das aber ihrer Meinung nach als kultureller Hub an Bedeutung verloren hat. Viele Salons hätten dicht gemacht. Sie habe einige Kulturmanager getroffen, die die Hauptstadt verlassen hätten. Manche tauchten in Chengdu wieder auf. „In Chengdu, by contrast, you still find bookstores hosting multiple events a week“, schreibt Speelman. Es gibt dort Bier und Café und es wird diskutiert über Geschlechterthemen und Arbeitsrechte.

Diese Diskussionskultur in Chengdu habe bereits während der Corona-Zeit angefangen, weil es dort weniger Restriktionen gegeben habe als in den Städten des Ostens: „The city became a magnet for people from the coastal areas.“ Es startete in einer Bar namens Dunba, die von zwei Journalisten gegründet wurde. Bei warmem Wetter saß man auf Campingstühlen vor der Bar und diskutierte. Ein weiterer Journalist Zhang Feng eröffnete 2023 seinen ersten Buchladen. Zhang Feng ist eine bekannte Größe in Chengdu. Er arbeitete bis 2019 Chengdu Business Daily, danach veröffentlichte er auf seinem WeChat Account Essays, die von Millionen gelesen werden. Im Frühjahr 2023 kamen zwei Freunde auf ihn zu und sagten, sie wollen mit ihm einen Buchladen öffnen. Sie saßen unter einem Aprikosenbaum und tranken Tee. Im August 2023 eröffneten sie den Buchladen You Xing (mit Aprikosen). In den ersten beiden Jahren machten sie über 200 Events. „No bookstore can survive on book sales these days“, sagt Zhang Feng in einem Interview mit China Book Review. In diesem Interview spricht er aber auch über die Probleme, die man in Chengdu bekommen kann. Sein Laden wurde im Oktober geschlossen, aber nach einer Woche wieder geöffnet. Er erzählt freimütig, wie er mit den Behörden umgeht und wie man mit ihnen Probleme lösen kann. Auf die Frage, warum in Chengdu so eine spezielle kulturelle Atmosphäre herrsche, sagt er: “It feels far from Beijing. People here don’t treat politics from Beijing as the most important part of their lives.”  

Info:

Hier der Artikel von Sadie Bargeron in Jing Daily: https://jingdaily.com/posts/chengdu-china-s-heart-of-creative-freedom

Und hier der Artikel von Tabitha Speelman in China Books Review: https://chinabooksreview.com/wp-content/uploads/2026/01/Bookstores.pdf

Das Interview mit Zhang Feng ebenfalls in China Books Review: https://chinabooksreview.com/2026/01/27/wct-zhang-feng/

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