Ein neuer Begriff geistert seit letztem Jahr durch die geoökonomische Diskussion – der Elektrostaat. Wir kennen alle den Begriff des Petrostaates. Das sind/waren die reichen Ölstaaten, die mit ihrem Öl (und Gas) den Welt-Energiemarkt beherrschten und die Preise für diesen Rohstoff manipulierten. Sie kamen aus dem Nahen Osten – Saudi-Arabien, der Iran, der Irak und Qatar. Ihre Macht manifestierte sich in der einst berühmt-berüchtigten OPEC, dem Kartell der Erdöl produzierenden Staaten. Doch diese Macht ist längst gebrochen. Niemand zittert mehr vor den Beschlüssen der OPEC. Denn es haben sich Alternativen zu Öl und Gas aufgetan – die erneuerbaren Energien, gespeist von Sonne, Wind und Wasser.
Und wer ist bei diesen neuen Energiequellen führend? China. Das Land gilt deshalb als erster Elektrostaat. Ein Begriff, der zum ersten Mal in einem Artikel der Financial Times vom 20. Mai 2025 auftauchte. Dort lautete die Überschrift: „Will China be the first electro state?“ Aber was ist eigentlich ein Elektrostaat?
Zwei Merkmale zeichnen ihn aus: Erstens, ein hohen Anteil der Elektrizität am Energieverbrauch. Und zweitens ein ebenfalls hoher Anteil der Produktion von Solarpanels, Windturbinen, Batterien und Elektroautos. Beides hat China vorzuweisen. Vor 15 Jahren litt China noch unter Stromausfällen. Doch inzwischen haben die Stromversorger ihre Netze massiv ausgebaut. Bis 2030 werden sie rund 60 000 Kilometer ultra-high-voltage transmission lines gebaut haben. Diese sind vor allem nötig, Strom dorthin zu leiten, wo er benötigt wird. Denn China hat das Problem, dass Strom aus Solar- und Windenergie tief im Westen produziert wird, aber in den bevölkerungsreichen Provinzen des Ostens benötigt wird. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung ist in China in den vergangenen zehn Jahren von 24 auf 30 Prozent gestiegen. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass dieser Anteil bis 2035 auf 71,5 Prozent steigen wird.
Kein Land der Welt– und das ist die zweite Bedeutung des Begriffs Elektrostaat – produziert so viele Solarpanels, Windräder, Batterien und Elektroautos wie China. Nach einer Studie von Allianz Research („The Electro State Era“) sind rund 60 Prozent der weltweiten Produktionskapazitäten von Solar- und Windanlagen sowie Batterien in China. Als Ursachen für diesen hohen Anteil nennen die Allianz-Autoren massive öffentliche und private Investitionen, eine zentrale strategische Planung, Subventionen und stetige Innovationen. Durch die hohen Stückzahlen konnten Chinas Solarfirmen gewaltige economies of scales erzielen, wodurch bei PV Modulen die Preise um bis zu 80 Prozent fielen.
Davon profitierten auch viele Staaten des Globalen Südens, die sich nun riesige Solarparks leisten konnten. Als Beispiel hierfür gelten der Quaid-e-Azam Solar Park in Pakistan oder die Garissa Solar Power Plant in Kenia. Macht der Elektrostaat China damit andere Staaten abhängig wie einst die Petrostaaten? Nein, denn sind die Solaranlagen erst mal geliefert, sind die Betreiberstaaten unabhängig vom Lieferanten. Bei den Petrostaaten herrschte dagegen eine permanente Abhängigkeit.
Insofern hilft der Elektrostaat, andere Länder aus der Abhängigkeit von den Petrostaaten zu befreien – mal ganz abgesehen von den gravierenden Vorteilen für die Umwelt, die der Einsatz von erneuerbaren statt fossilen Energien bringt.
Interessant ist zudem, dass die USA und China damit total entgegengesetzte Wege gehen – die USA unter Trump noch mehr Richtung Petrostaat, China Richtung Elektrostaat. Man kann es auch anders interpretieren: Die USA gehen den Weg in die Vergangenheit, China den in die Zukunft.
Info: Hier der Link zur Studie „The Electro State Era“ von Allianz Research: https://www.allianz.com/content/dam/onemarketing/azcom/Allianz_com/economic-research/publications/specials/en/2025/october/2025_10_29_China-AZ.pdf