Vor 20 Jahren sprach Ihr Kolumnist in der deutschen Öffentlichkeit wiederholt davon: „China kann viel von Deutschland lernen. Aber ein bisschen mehr China würde Deutschland auch guttun.“ In der Berichterstattung wurde häufig die erste Hälfte des Satzes weggelassen. Sie war damals vielleicht zu offensichtlich, zu gewöhnlich, zu fade. Die zweite Hälfte hingegen hallte Jahre später noch nach – weil sie schon damals provokant war.
„Würden Sie diese Aussage heute noch so wiederholen?“ wurde ich gefragt. „Aber klar – wobei…“ Wobei: Wer heute noch die erste Hälfte wiederholt – „China kann viel von Deutschland lernen“ – gehört zu einer Minderheit unter Chinesen, zunehmend auch unter den Chinesen, die Deutschland gut kennen. Diese fühlen sich dem Land emotional positiv verbunden und wünschen sich, dass es erfolgreich bleibt.
Sie fragen nicht, wie am chinesischen Stammtisch des gehobenen Milieus inzwischen gängig: „Lernen – wovon denn noch?“ Dafür kennen sie Deutschland zu gut, zu persönlich, zu detailliert. Die eine lobte das Schüco-Fenster, welches sie kürzlich in Peking einbauen ließ: „Es ist einfach das Geld wert. Unschlagbar gut.“ Der andere wehrte ab, als man ihm zu den tanzenden und springenden Robotern seiner Firma gratulierte: „Nein, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt gehört zur absoluten Weltspitze der Robotik.“ Buchstäblich jede und jeder hatte mindestens ein Lob für Deutschland aus eigener Erfahrung parat, notierte Wan Hua Zhen nach drei China-Reisen im Jahr 2025. Gleichzeitig sagten viele auch: „Wenn Deutschland so weitermacht, wird es sehr schwierig.“ Der anschließende Einschub fiel noch deutlicher aus: „Persönlich sehe ich kaum einen Ausweg, die Lücken wieder zu schließen“ bzw. „die Rückstände noch aufzuholen.“ So oder ähnlich.
Eine dankenswerte Untersuchung der GIZ vom Ende des vergangenen Jahres – „Chinesische Perspektiven auf Deutschland“ (bereits kommentiert in CHINAHIRN Ausgabe 115) – kann Wan Hua Zhen nach mehreren Dutzenden Gesprächen mit Vertretern derselben Zielgruppe nur bestätigen – und zwar vollumfänglich.
In der Praxis hat China nie aufgehört, von Deutschland zu lernen. Bereits um 2014 war China eine führende Industrienation mit ähnlichen Bedürfnissen und Voraussetzungen wie Deutschland. Die „Industrie 4.0“ jedoch – eine weitsichtige und ambitionierte Vision, in der Menschen und Maschinen über Software (heute sagt man KI) eng vernetzt sein sollten – wurde zuerst in Deutschland ausgerufen. Eine Dekade später zeigt sich allerdings: China hat schneller gelernt und die Ideen konsequenter umgesetzt als die Akteure hierzulande. Das ist ein bekanntes, sich wiederholendes Muster in der deutsch-chinesischen Interaktion.
Nun zum zweiten Teil der Aussage „Ein bisschen mehr China kann Deutschland guttun.“ „Was meinen Sie damit?“
Die Antwort ist 20 Jahre später zunächst einmal dieselbe geblieben: Schnelligkeit, Pragmatismus, eine höhere Ambiguitätstoleranz. Im Zweifel: loslegen und ausprobieren. Nicht alle Risiken müssen vorab reguliert werden. Erst einmal machen – und machen lassen.
An dieser Stelle, auf der letzten Reise im November, warf ein mitreisender deutscher Unternehmer ein: China habe hier einen Systemvorteil. Weil der Staat stark sei, könne er – falls Regulierungen tatsächlich notwendig würden – schneller und wirksamer eingreifen als bei uns. „Bis dahin aber“, so er, „haben Unternehmer hier in China im Zweifel mehr Freiheit als bei uns, befürchte ich.“
Das Wort „befürchte“ ist interessant. „Es ist aber eine ständige Abwägung von Trade-offs“, fügte er hinzu. „Ein zu starker Staat kann an anderer Stelle auch erhebliche Probleme verursachen.“ Recht hat er. Kein Modell ist per se besser oder schlechter, erst recht nicht per se „richtig oder falsch“. China-Bashing hier, Deutschland-Mitleid dort, beides ist falsch.
„Ein bisschen mehr China kann Deutschland guttun.“ Zwanzig Jahre später hat dieser Halbsatz an Aktualität und an neuen Dimensionen noch hinzugewonnen. Ohne „ein bisschen mehr China“ würde die strategische Autonomie Europas in der heutigen geopolitischen Arena eine Tagträumerei bleiben. Die ersten 15 Tage des neuen Jahres zeigen bereits „eindrucksvoll“, wie einseitig Europa wirklich abhängig ist. Es ist nicht zu viel China, sondern zu wenig. Ohne „ein bisschen mehr China“ würde Europa sich auf immer mehr Feldern weiter von der Weltspitze entfernen. Vor allem nicht mehr zu wissen, woran „die Chinesen“ forschen und entwickeln – nur weil man sich De-Risking auf die Fahnen geschrieben hat – und sich darauf berufend wissenschaftliche Kooperationen drastisch einschränkte oder gar unterbände – würden Europa und Deutschland sich deutlich größere Risiken aussetzen.
Zum Schluss eine Empfehlung: Es gibt nur wenige China-Analysen, die nach mehr als einer Dekade noch weitgehend Bestand haben. Von Eric Li – Investor und Hobby-Politikwissenschaftler, wie Ihr Kolumnist im selben Jahr in Shanghai geboren – ist ein TED-Talk aus dem Jahr 2013 überliefert. Weil die Thesen „provokant“ waren, veröffentlichte TED eine schriftliche Gegenrede von Yasheng Huang (Professor am MIT in Boston) kurz danach. Wer Zeit und Interesse hat, kann mit dem Vorteil der rückblickenden Betrachtung – zwölf Jahre sind inzwischen vergangen – beide Beiträge miteinander vergleichen.
Info:
Hier der Link zu dem Artikel von Eric Li:
* Hier erfahren Sie mehr über die Kolumne und deren Autor: