Seit Anfang 2023, nachdem China die Reiserestriktionen gelockert hat, reise ich fast alle drei Monate nach China – privat wie beruflich. Ich bin quer durchs Land unterwegs: Beijing, Shenzhen, Qingdao, Nanjing, Changsha, Chengdu, Ganzhou, Changzhou, Lishui, Wenzhou – um nur einige Stationen zu nennen. Auf diesen Reisen spreche ich mit Menschen aus sehr unterschiedlichen Welten: Unternehmern, Professoren, Medienschaffenden, Taxifahrern, Gemüsehändlern, Messeübersetzerinnen – oder einfach Leuten, denen ich am Straßenrand kurz begegne.
Ein deutscher Soziologie-Freund von mir, den ich hier „O.“ nenne, war in den vergangenen Monaten ähnlich unterwegs. Kurz vor Weihnachten waren wir beide – zu unterschiedlichen Zeiten – in China. Danach haben wir, wie so oft, unsere Eindrücke abgeglichen: direkt, ohne Schönfärberei. In vielem teilen wir eine ähnliche Haltung. Und doch ziehen wir aus derselben Faktenlage manchmal unterschiedliche Schlüsse.
In vielen Gesprächen, die wir führten, wurde die wirtschaftliche Schieflage beklagt. O. war besonders alarmiert: Die Stimmung sei „im Keller“, sagte er, und die mentale Belastung durch starke Konkurrenz spürbar. Oft fiel das Wort neijuan (内卷) – jene „in sich kreisende“ Überkonkurrenz, die immer mehr Energie frisst und immer weniger Luft zum Atmen lässt. „Ich mache mir große Sorgen um die chinesische Gesellschaft“, meinte er. „Wie soll sie sich unter solchen Bedingungen noch positiv entwickeln?“
Ich teile diese Sorgen. Und ich glaube auch, dass manche Probleme tiefer reichen, als offizielle Zahlen zeigen. Trotzdem bleibe ich – vorsichtig – bei einer These: China bewegt sich in Richtung Normalisierung. Nicht als Entwarnung. Und schon gar nicht als Relativierung. Sondern als Versuch, China nicht länger nur mit einem einzigen Maßstab zu messen – dem BIP-Wachstum –, sondern das Land aus mehreren Perspektiven zu betrachten.
„Normalisierung“ bedeutet in meinem Verständnis: China rückt weg von der Logik der Extreme – vom permanenten Ausnahmezustand zwischen „Wunder“ und „Crash“. Es wird langsamer, vielfältiger, widersprüchlicher. Und genau darin liegt etwas, das eher nach einem „normalen“ Entwicklungsverlauf aussieht als nach einem eindeutigen Absturz.
In China wird gern gesagt, es sei nicht normal, dauerhaft im Sprinttempo einen Marathon zu laufen. Jahrzehntelang hohe Wachstumsraten haben das Land zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt gemacht und vielen Menschen ein würdigeres Leben ohne große materielle Not ermöglicht.
Doch zweistellige Wachstumsraten haben Nebenwirkungen: Fehlallokationen, Überinvestitionen, Schulden, soziale Spannungen – und einen Erwartungsdruck, der irgendwann nicht mehr zu erfüllen ist. Das Konzept eines „Soft Landing“, also einer kontrollierten Abkühlung der Wirtschaft, wurde in China seit den 1990er-Jahren immer wieder diskutiert. Nur: Solange die Maschine läuft, bremst niemand gern. Und solange Krisen dazwischenfunken – global oder im Inland – gewinnt kurzfristige Stabilität fast immer gegen langfristige Korrektur.
Corona war dann nicht einfach nur eine weitere Krise, sondern ein erzwungener Stopp. Die offizielle Rhetorik vermeidet den Begriff „Hard Landing“. Aber viele Symptome, über die heute gesprochen wird, passen zu dem, was man unter einer „harten Landung“ fürchtet: eine langanhaltende Immobilienkrise, schwache Nachfrage, spürbarer Deflationsdruck – und die verbreitete Unzufriedenheit.
In diesem Licht wirken Wachstumsraten im Bereich von „nur noch“ vier oder fünf Prozent – je nach Berechnung und Jahr – wie ein Einbruch. Im internationalen Vergleich sind solche Raten jedoch weiterhin hoch und passen zu einem Muster, das man auch bei anderen Industrienationen beobachtet: Nach Phasen sehr schnellen Wachstums folgt häufig eine längere Phase moderaterer Entwicklung. So sank in Deutschland die durchschnittliche reale BIP-Wachstumsrate nach dem Wirtschaftswunder von etwa acht Prozent (1950er-Jahre) auf rund vier Prozent in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre – und verlangsamte sich in den folgenden Jahrzehnten weiter. Ähnliche Muster werden auch für Japan und andere OECD-Länder beschrieben.
Mein Punkt ist nicht: „China ist jetzt wie Deutschland.“ Mein Punkt ist: China könnte in eine Phase eintreten, die weniger spektakulär, aber historisch gesehen nicht ungewöhnlich ist.
„Shanghai wird jedes Jahr leerer“, sagte mir ein Taxifahrer im Sommer 2024. Später vom Statistikbüro Shanghai veröffentlichte Zahlen stützen zumindest die Richtung seiner Beobachtung: Für 2024 wird ein deutlicher Nettoabfluss von 200.000 registrierter bzw. dauerhaft ansässiger Bevölkerung ausgewiesen. Parallel zeigen Wanderungs- und Arbeitskräftestatistiken Zuzug in mehrere Inlandstädte wie Chongqing, Wuhan, Chengdu oder Hefei.
Die Umschichtung von Industrien aus Mega-Cities wie Shanghai oder Beijing setzte bereits vor Corona ein – wegen steigender Mieten und Betriebskosten. Corona hat zusätzlich Unternehmen dazu bewegt, Produktion zu diversifizieren oder Teile nach Südostasien zu verlagern. Zugleich verfolgt Shanghai (wie andere Metropolen) die Strategie, Flächen und Förderlogik stärker auf Zukunftsbranchen zu konzentrieren – Halbleiter, Biotech, High-End-Anlagenbau. Damit verschiebt sich nicht nur, wo produziert wird, sondern auch, wer dort arbeitet: High-Tech-Unternehmen bringen oft andere Qualifikationsprofile mit als klassische Fertigung.
Diese Transformation hat nicht nur eine geografische, sondern auch eine gesellschaftliche Bedeutung. Wenn industrielle Standorte breiter verteilt werden, verschieben sich mittelfristig auch Ressourcen: Bildung, medizinische Versorgung, Infrastruktur, Freizeitangebote. Ein Land, das jahrzehntelang stark auf Küstenregionen und Mega-Cities zugespitzt war, bekommt dadurch eine Chance auf mehr regionalen Ausgleich. Industrie, Jobs und Lebensentscheidungen verteilen sich breiter.
Für Unternehmen ist es jedoch nicht einfach, diese Transformation durchzuhalten. Viele kämpfen ums Überleben. Einige schließen. Andere orientieren sich neu. Das ist schmerzhaft für die Betroffenen – und zugleich typisch für Phasen struktureller Neuordnung.
Dass sich aus Verlust auch neue Chancen ergeben können, habe ich zuletzt in einem County in Jiangxi erlebt – einer Region, aus der traditionell viele Wanderarbeiter an die Küste gingen. Menschen erzählten mir, dass Rückkehrer zunehmen: Einige arbeiten in neu angesiedelten Fabriken, andere bauen Kleingewerbe auf – kleine Läden, Werkstätten, Home-Inns. Die junge Generation findet häufiger Arbeit „vor der Haustür“. Oft ist das Einkommen geringer als in Shanghai, Shenzhen oder Guangzhou – aber die Ausgaben sind ebenfalls niedriger, und Nähe zur Familie zählt plötzlich mehr als früher. Ähnliche Motive hörte ich in Lishui (Zhejiang) und in Mianyang (Sichuan): weniger „wirtschaftliche Maximierung“, mehr „Machbarkeit“.
Ein Gegenargument bleibt zentral: China hat kein soziales Sicherheitsnetz wie Deutschland. Diese Lücke kann in wirtschaftlich schwierigen Phasen politische Unzufriedenheit verschärfen. Zugleich ist genau hier ein Bereich, in dem sich – schrittweise und oft unspektakulär – etwas bewegt.
China versucht seit Jahren, die wichtigsten Sozialversicherungssysteme auszubauen, vor allem Kranken- und Rentenversicherung (mit weiterhin großen Unterschieden zwischen Regionen und Bevölkerungsgruppen). In Gesprächen taucht immer wieder auf, dass Leistungen, Erstattungsquoten oder Abdeckung schrittweise verbessert werden.
Über Jahrzehnte gehörte zur chinesischen Aufstiegserzählung ein Schatten: die Angst, eine unerwartete Krankheit könnte eine ganze Familie finanziell zerstören. Viele Gesprächspartner beschreiben, dass dieses Risiko langsam kleiner wird. In offiziellen Darstellungen zur Grundkrankenversicherung werden bei stationärer Behandlung häufig Erstattungsquoten in der Größenordnung von rund 70 Prozent genannt – je nach Region, Kasse und Leistungsumfang. Für die Basisversicherung liegen die jährlichen Beiträge in einigen Programmen im Bereich weniger hundert RMB; für 2025 wird in mehreren Provinzen ein Mindestbeitrag um ca. 400 RMB (rund 50 Euro) im Jahr genannt.
Wer China nur über Wachstum und Immobilienpreise bewertet, übersieht leicht, wie stark solche Verbesserungen die Lebenswirklichkeit verändern – und wie sehr sie in Krisenzeiten Unzufriedenheit dämpfen.
Wenn Normalisierung auch bedeutet, dass ein Land nicht nur schneller, sondern auch lebenswürdiger wird, dann gehört diese Entwicklung dazu.
Mit der wirtschaftlichen Abkühlung verändert sich nicht nur der Ort, wo Menschen arbeiten, sondern auch, wie sie leben wollen – oder leben müssen. China ist stark leistungsorientiert. Viele sprechen von einer Kultur, in der „mehr“ immer besser ist: mehr Arbeit, mehr Status, mehr Einkommen. Doch Corona hat vielen einen abrupten Spiegel vorgehalten: Gesundheit und Familie sind am Ende wichtiger als Geld oder Leistung. Und die stagnierende Wirtschaft zwingt besonders Jüngere, den eigenen Lebensplan neu zu sortieren.
Aus dieser Mischung wurde ein Begriff global sichtbar: tang ping (躺平) – „lying flat“. Für einige ist es eine bewusste Gegenbewegung zur Überanstrengung. Für andere ist es eher ein resigniertes „Ich kann ohnehin nicht mithalten.“ In der Realität legt sich kaum jemand „für immer flach“. Es ist oft eher eine Auszeit, ein Umstieg, ein Versuch, Selbstständigkeit oder Freiberuflichkeit zu testen – ähnlich wie Konzepte, die man aus westlichen Gesellschaften kennt.
Auf einer Messe in Shanghai lernte ich junge Frauen kennen, die als Übersetzerinnen für einen europäischen Pavillon arbeiteten. Eine hatte in Singapur einen Master in Chemie gemacht und wollte keinen klassischen Angestelltenjob. Eine andere hatte in den USA studiert und mehrere Jahre als Projektmanagerin in einer mittelgroßen Gaming-Firma gearbeitet; das Unternehmen wurde später geschlossen, sie wollte nicht wieder „fest“ in ein System zurück. Beide arbeiten nun freiberuflich: Messen, Delegationen, Kommunikation für kleine Import-Export-Firmen. Ihr Jahreseinkommen bezifferten sie im Durchschnitt mit rund 100 000 RMB netto – grob umgerechnet etwa 12 500 Euro. Sie sagten das ohne Scham, eher mit einer Selbstverständlichkeit, die in China lange weniger sichtbar war: „Ich kann für mich sorgen. Über mein Leben entscheide ich.“
Natürlich gilt das nicht für alle. Aber dass diese Haltung so ausgesprochen wird, sagt etwas über die wachsende Bandbreite möglicher Lebensvorstellungen – und darüber, dass ein Teil der Gesellschaft neue „Normalitäten“ ausprobiert.
Ein anderes Beispiel zeigt die härtere Seite dieser Vielfalt: Ein Didi-Fahrer Ende Vierzig erzählte mir, er sei vor einem Jahr noch Unternehmer gewesen mit rund zehn Mitarbeitern. Seine Firma installierte bzw. betreute Kommunikations- und Verkabelungslösungen in Wohnanlagen. In guten Jahren habe er etwa eine halbe Million RMB netto verdient (rund 60.000 Euro). Doch es gebe immer weniger Aufträge, weil kaum neue Wohnungen gebaut würden; „die Branche ist ausgedient“, sagte er. Bevor er eine neue Richtung findet, fährt er Didi, um die Grundkosten der Familie zu decken.
Er kam nicht aus Shanghai, aber sein Sohn besucht dort eine Schule, die für besonders starken Leistungsdruck bekannt ist. Und gerade dieser Mann wirkte erstaunlich gelassen: Lebenserfahrung, sagte er, habe ihm gezeigt, dass Resilienz und Anpassungsfähigkeit wichtiger seien als perfekte Noten. Es bringe niemandem etwas, wenn ein Kind unter Konkurrenz und Erwartung mental zusammenbreche.
Mit dieser Offenheit wächst auch die Sichtbarkeit von Themen, die lange tabu waren: mentale Belastung, Erschöpfung, Depression. In Gesprächen wird häufiger darüber gesprochen – manchmal vorsichtig, manchmal erstaunlich direkt. Das heißt nicht, dass das System gute Antworten gefunden hat. Die in der chinesischen Kultur tief verankerte Konkurrenzmentalität geht nicht über Nacht weg. Aber es zeigt: Viele achten stärker auf ihr Inneres, nicht nur auf Leistung. Auch das ist Normalisierung.
China steht wirtschaftlich unter Druck. Die Stimmung ist vielerorts angespannt. Die Risiken sind real. Trotzdem halte ich – für den Moment – an meiner These fest: China könnte sich gerade normalisieren. Nicht, weil alles gut ist. Sondern weil sich unter Druck Strukturen verschieben: Wachstum wird „normaler“, Regionen werden breiter einbezogen, Sicherungssysteme werden schrittweise ausgebaut und Lebensentwürfe werden vielfältiger – freiwillig oder erzwungen.
Viele werden dieser These widersprechen. Aber auch das ist … normal.
*Nan Haifen ist in China aufgewachsen und kam Anfang der 2000er-Jahre als Studentin nach Deutschland. Aus einem Studienaufenthalt wurde ein Leben zwischen zwei Welten. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie an der Schnittstelle von Forschung und Beratung – mit dem Ziel, Kooperationen zwischen sehr unterschiedlichen Akteuren zu ermöglichen, häufig auch im internationalen Kontext. China Abseits ist ihr Versuch, Beobachtungen und Reflexionen mit China-Interessierten zu teilen. Der Titel ist Programm: Abseits der Schlagzeilen. Sie wählt bewusst Themen, die in der deutschen Debatte leicht übersehen werden und doch viel über die chinesische Gesellschaft und ihre innere Logik verraten – seien es regionale Entwicklungen, leise gesellschaftliche Verschiebungen, unternehmerische Dynamik oder kleine Szenen aus dem Alltag. Wer sie ernst nimmt, versteht China besser – und findet eher zu klügeren Formen des Umgangs miteinander. Nan Haifen lebt mit ihrer Familie in Hamburg.