CHINA ABSEITS I Feiert man Weihnachten in China? Von Nan Haifen

Seit ich in Deutschland lebe, bekomme ich zur Weihnachtszeit regelmäßig die gleiche Frage gestellt: „Feiert man in China eigentlich Weihnachten?“

Die kurze Antwort lautet: Jein. Wie so oft bei vermeintlich einfachen Fragen über China ist die Realität deutlich vielschichtiger.

Bevor ich beginne, lohnt es sich, einen Blick nach Deutschland zu werfen, denn auch hier hat sich die Tradition rund um Weihnachten im Laufe der Zeit verändert: Was einst ein rein kirchliches Fest war, ist heute für viele Menschen eher mit Zusammensein, Ritualen und Atmosphäre verbunden als mit Religion.

In China kommt eine weitere Ebene hinzu: Das Christentum wird hier nicht nur als Religion, sondern auch als westlicher Einfluss verstanden – und damit als potenziell politisch aufgeladen. Diese Konnotation prägt, wie öffentlich Weihnachten gefeiert wird, wer es feiert und wie sichtbar das Fest überhaupt sein darf.

Für aktive Christinnen und Christen in China bleibt Weihnachten ein wichtiges Fest – allerdings vor allem in den Kirchen. Zu Hause spielen christliche Weihnachtsbräuche nur selten eine Rolle. Weihnachtsdekoration in der Wohnung? Eher unüblich. Die Gestaltung der Weihnachtsfeiern variiert stark je nach Region, Gemeindestruktur – und der jeweiligen politischen Lage vor Ort. In vielen Gemeinden bestimmt die staatliche Haltung zur Religion maßgeblich, wie offen überhaupt gefeiert werden kann.

Ich selbst komme aus Wenzhou, einer Stadt, die wegen ihrer Vielzahl an christlichen Kirchen und buddhistischen Tempeln manchmal als „Jerusalem Chinas“ bezeichnet wird. Hier prägen Dorfkirchen nicht nur die Landschaft der Stadt, sondern auch das soziale Gefüge: Rund ein Drittel der Bevölkerung ist christlich geprägt.

Als Christin in dritter Generation haben wir Weihnachten immer gefeiert – allerdings ganz anders als in Deutschland. Bei uns drehten sich die Festvorbereitungen nicht um Adventskalender oder Kränze mit Kerzen, sondern um das, was in der Kirche stattfand.
Wochenlang wurde geplant und geprobt – nicht für ein besinnliches Fest daheim, sondern für eine große Feier in der Gemeinde.

Die Weihnachtsdekoration war ganz nach chinesischer Art: Vor dem Eingang unserer Dorfkirche hing ein großes rotes Stoffbanner mit weißen Schriftzeichen: „耶稣圣诞,普天同庆“ – „Jesu Geburtstag, die ganze Welt feiert mit.“ Drinnen wurden, wie bei vielen Festen in China, bunte, dreieckige Wimpelketten aufgehängt.

Je nach Kalender fand die große Weihnachtsfeier meist am Wochenende vor dem 24. Dezember statt – besonders dann, wenn der Heiligabend auf einen Wochentag fiel.

Tagsüber organisierte die Gemeinde sogenannte Liebesmahle: Zwei- bis dreitägige, kostenlose Mittagessen für alle, bei denen man mit Nachbarn und Fremden an großen, runden Tischen saß. Gekocht wurde von den freiwilligen Helferinnen und Helfern der Gemeinde.
Zum Abschied gab es eine Tüte mit Mandarinen, Erdnüssen und Bonbons – liebevoll „Früchte der Liebe“ genannt.

In Deutschland sagt man: Liebe geht durch den Magen. In Wenzhou hatte ich als Kind den Eindruck: Gottes Liebe auch.

Abends folgte ein mehrstündiges Programm, das ich heute rückblickend als „Weihnachtsgala“ bezeichnen würde: Chor, Theater, Tanz, Orchester – manchmal sogar Xiangsheng, ein traditioneller chinesischer Dialogwitz. Erwachsene und Kinder probten oft wochenlang für diesen Abend. Weihnachten war nicht still – aber voller Hingabe.

In den offiziell registrierten Kirchen – etwa 90 Prozent davon protestantisch, 10 Prozent katholisch – finden die Feiern wie in Deutschland oft am Heiligabend statt, mit chinesischen Versionen klassischer Weihnachtslieder wie „Stille Nacht“ oder „O du fröhliche“. Es folgt eine Weihnachtspredigt, in der die Bedeutung des Jesuskindes betont wird.

Viele dieser offiziellen Kirchen befinden sich in Gebäuden mit westlicher Architektur, oft im alten Stadtkern. Sie ziehen an Heiligabend viele Menschen an – nicht nur Gläubige, sondern auch Neugierige, die sich vom festlichen Gesang und der ungewohnten Atmosphäre angezogen fühlen.

In meiner Studienzeit in Nanjing um das Jahr 2000 war der Andrang an Heiligabend bei der calvinistischen Mochou-Road-Kirche so groß, dass die Polizei den Verkehr um die Kirche herum zugunsten der Messebesucher regeln musste.

Doch diese Offenheit hat sich im Laufe der Jahre Schritt für Schritt verändert. Seit 2018 kursieren jährlich Gerüchte im Internet, dass viele lokale Behörden Anweisungen gegeben hätten, westliche Einflüsse zu Weihnachten in Schulen, Universitäten und staatlichen Einrichtungen einzudämmen. Weihnachtskarten, Geschenke, Dekorationen – alles galt plötzlich als potenziell problematisch.

Da viele Kirchen – besonders die Hauskirchen – in einer rechtlichen Grauzone agieren, wurde vielerorts vorsichtiger gefeiert: stiller, weniger öffentlich, oft nur noch im Kreis der Gemeinde und vertrauter Gäste.

Selbst in Wenzhou bemüht man sich, nicht zu sehr aufzufallen. In einigen Gemeinden durften zum Beispiel nach Anweisung der lokalen Behörden Kinder nicht an der Weihnachtsgala teilnehmen.

Für die nicht-christliche Mehrheit der Bevölkerung ist Weihnachten eher ein kulturelles Spektakel. Viele verbinden es mit einem einzigen Film: „Kevin – Allein zu Haus“, der 1995 in chinesischer Synchronfassung ins Kino kam und ein bleibendes Bild hinterließ: Weihnachten als Konsumfest voller Lichter, Geschenke und Überfluss.

Ironischerweise stammen fast alle dieser Weihnachtsartikel – von Glaskugeln bis Lichterketten – aus chinesischen Fabriken. Seit Jahren beliefert China die ganze Welt mit Weihnachtsstimmung – und nun wird diese zunehmend auch im eigenen Land konsumiert.

Von boomenden Einkaufszentren bis zum Tante-Emma-Laden um die Ecke sieht man im ganzen Land kitschige Weihnachtsdekorationen, hört Weihnachtslieder in Endlosschleife auf der Straße und in den Shoppingmalls – in allen möglichen Varianten und Sprachen. In Städten wie Shanghai oder Qingdao gibt es Weihnachtsmärkte nach deutschem Vorbild – mit Glühwein, Bratwurst und handgemachter Deko.

Um die Weihnachtsstimmung besonders „authentisch“ wirken zu lassen, werden echte Tannenbäume containerweise aus Europa importiert und in Malls und Hotellobbys mit protziger Deko aufgestellt. Händler bieten Weihnachtsrabatte, Gutscheine und Sonderaktionen an – ganz im Stil amerikanischer Feiertagswerbung.

Bevor der Singles’ Day (11.11.) zum größten Verkaufstag des Jahres wurde, war Weihnachten der umsatzstärkste Moment im chinesischen Einzelhandel.

Vor allem junge Menschen nutzen Weihnachten heute – wie ich damals – als Anlass, Karten oder kleine Geschenke auszutauschen. Oft romantisch aufgeladen – ein bisschen wie Valentinstag, aber nicht mit Rosen, sondern mit Tannenbäumen oder Weihnachtssternen.

Weihnachten in China ist für viele weniger ein Fest des Glaubens als ein exotischer Ausbruch aus dem Alltag. Für mich bleibt es aber eine warme Erinnerung an ein vollbesetztes Kirchenhaus in der Heimat, den Duft gekochter Speisen, bunte Wimpel, lautes Lachen.
Und an eine einfache Botschaft, die alle politischen Filter überlebt: Liebe ist da, wenn man sie teilt.

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